ARTWEEKEND LEIPZIG SPECIAL – Woche 36/2018

Galerie Herbstrundgang in der Baumwollspinnerei Leipzig.

Rich Harvest. Internationale Gruppenaustellung, LIA – Leipzig International Art Programme // Sugar on my tongue. Sebastian Burger, Galerie Tobias Naehring // Katrin Heichel: Heim. Ich gehe jetzt., Josef Filipp Galerie // CARSTEN FOCK. I LOVE ART, Galerie Jochen Hempel

Rich Harvest
Internationale Gruppenaustellung

LAUFZEIT: 08.09. – 09.09.2018

LIA – Leipzig International Art Programme | Spinnereistraße 7, Halle 18, 2. Stock rechts | 04179 Leipzig

Die Künstlerresidenz LIA – Leipzig International Art programme präsentiert in der aktuellen Gruppenausstellung Arbeiten elf internationaler Künstlerinnen und Künstler, darunter Malerei, Objekt/Installation, Video und Druck. Besondere Gäste sind drei junge, vielversprechende Maler aus Leipzigs Partnerstadt Krakau: Karolina Jabłońska, Tomasz Kręcicki und Cyryl Polaczek. In großformatigen, wuchtigen Gemälden thematisieren sie die Leipziger Sommerhitze, optische Reize oder experimentieren ironisch, frisch und spielerisch mit Druckgrafik und Film. Als Trio bilden sie die Künstgruppe Potencja, die ebenso als Künstlerraum in Krakau sowie als experimentelle Plattform für Diskurs und Austausch junger, zeitgenössischer Kunst fungiert. Ihr Aufenthalt in Leipzig wird unterstützt durch die Stadt Leipzig / Referat Internationale Beziehungen.

 

Abdulrahim Alkendi, Veronica Calfat, Manuel Siguenza, Cassidy Clingman, Karolina Jabłońska, Tomasz Kręcicki, Cyryl Polaczek, Hanna Larsson, Marlene Moris, Diego Palacios, Noah Ryu

 

Eindrucksvoll sind auch die Malerei der drei Südamerikaner Diego Palacios (Chile), Veronica Calfat und Manuel Siguenza (beide Argentinien) sowie des Südkoreaners Noah Ryu. Hingebungsvoll wird dem Medium Malerei gefrönt und dabei der Spagat zwischen traditionellen Sujets und Technik einerseits und ästhetischen Versatzstücken und Verzerrungen durch digitale Bildbearbeitung andererseits gewagt.

Weitere Arbeiten geben Einblick in ganz andere Sphären, wie die Webstuhl-Installation der schwedischen Künstlerin Hanna Larsson, die sich in ritueller Manier und Handwerkskunst mit dem Werk von Hilma af Klint auseinandersetzt. Der aus dem Sultanat Oman stammende Nachwuchskünstler Abdulrahim Alkendi wiederum widmet sich dem Versuch, 14 poetische Wörter für Liebe aus dem Arabischen in eine zeitgenössiche, universelle Sprache zu übersetzen – in Form von Emojis.

Ein Besuch in den Ateliers der Künstlerresidenz LIA überraschen den Besucher stets mit höchst vielfältigen, interessanten Positionen, wobei die Künstler im Gespräch in lockerer Atmospähre Einblick geben in ihre häufig experimentellen Arbeitsweisen. 

Diego Palacios, Entdeckung, 150 x 240 cm, Öl auf Leinwand, 2018

Sugar on my tongue
Sebastian Burger

LAUFZEIT: 23.06. – 23.10.2018

Galerie Tobias Naehring | Spinnereistraße 7 | 04179 Leipzig

Die Galerie Tobias Naehring zeigt zum Herbstrundgang der Spinnerei Galerien in Leipzig eine Einzelausstellung des Malers Sebastian Burger. Unter dem Ausstellungstitel “Sugar on my tongue” werden neue Arbeiten des in Leipzig lebenden und arbeitenden Künstlers zu sehen sein.
Eine lyrische Untermalung bieten die von Lara Konrad verfassten Zeilen:

At the checkout lane

I look at a stranger who looks at another stranger,
and, in this very interval of separately-lived moments, none of us
think about how we’ll spend the rest of our days
yearning for other people.
But we don’t yearn for people for the sake of being people,
I don’t think. We yearn for their bodies’ components
that’ll eventually
(now or later, or much later after that)
allow us to recognize ourselves
in them. Parts that prove
the way we’ve lived,
the way we’d like to end.
Even consciously, the present never lets go of the past.
It just hopes for the same future. And the future is always far
and otherwise.
I look at the woman, she’s young but I think she might be older,
and it’s the moment her torso leans over the shopping cart handles
that makes me pause for an eternity
right there. This type of pull that lives a temporary life of its own,
because it’s unintentional and somehow gentle
because it doesn’t ask to get anywhere.
While I stare at her bent back,
I notice her orange crop top that’s so orange,
and I think about how bright colors only ever look good on  people
who are too young to have been lonely, and how anything after that
always seems like an attempt at feeling alive,
alive, just enough,
only because they’ve tasted the opposite of purpose.
And how all of us,
standing in line, inside this supermarket,
are tired because we’re still here
thanks to other people, meanwhile outside
we keep waiting for someone else to change our circumstances
of today.
And I notice the stranger’s posture again,
the way she sinks deeper into the cart, and I don’t think she’s desirable anymore,
just someone who’s beautiful, and I think about mother,
how I straighten her back each time she’s next to me and looks at things,
and how she blames her wasted body gone to waste
because of that second hip surgery, but I think her body is wasting
because she never moves anymore.
And people who stop moving, I think,
mostly stop moving because they’ve stopped thinking about living in another country.
And mother,
she hasn’t mentioned her terrace in Rome
for a while now.
And if we’re ready to stop longing, I think that means we’re just dying,
and I don’t want mother to die,
because she’s the only one who’s able to convince me that, after all,
I can always live.
And then I think about how it’s usually other people
who remind us of our own mortality, and how
our mortality only ever means our only home
while nothing grand happens,
nothing grand at all.

by Lara Konrad

Sebastian Burger, “Sinae”, 2018, Öl auf Aluminium, 120 × 90 cm, Photo: dotgain.info, Courtesy Galerie Tobias Naehring, Leipzig


Katrin Heichel: Heim. Ich gehe jetzt.

OPENING: Sa, 8.09. 11 – 20 Uhr, So, 09.09. 11 – 16 Uhr
LAUFZEIT: 8. 09. – 13.10.2018

Josef Filipp Galerie | Spinnereistrasse 7 | 04179 Leipzig

Katrin Heichel schafft Räume. Eine sechszeilige Prosa-Miniatur aus einem Songtext fasst Malerei und Installation dieser Schau zusammen: Eine Zuflucht, aus Worten und Wünschen gebaut und bis zum Schwur manifestiert, um sie im letzten Moment wieder einzureißen und weiterzuziehen, von Ort zu Ort, von Mensch zu Mensch, entlang der Lebensphasen, wechselnden Erfahrungen und neuen Bedürfnisse.

Heichels menschliche Gehäuse sind eine höchst temporäre Angelegenheit und das Gegenteil vom Heimat-Dogma. Zwischen praktischer Wohnungssuche, verschwiegen romantischer Rückzugsnische und dringlichem Schutzraum schafft Heichel auf großen Formaten [Öl auf Leinwand] Raumillusionen. In klug ausdifferenzierter Atmosphäre fragt sie nach Formen der Geborgenheit, doch ist ebenso das Hermetische dieser Quartiere präsent, bis zum Hinterhalt.
Die im Titel »Heim. Ich gehe jetzt« angelegte Gegenbewegung von Ankommen und Aufbruch meint den Menschen, doch die Protagonisten sind nie anwesend, lassen nur ihre Spuren lesen. Heichel schafft hier Stillleben »hinter den Menschen«, die einer ambivalenten Sehnsucht ihre Räume geben und ihr Inventar zum Milieu arrangieren.

—Von Tina Simon 

Katrin Heichel Heim II [Richtfest], 2018, Öl auf Leinwand, 240 x 190 cm

CARSTEN FOCK
I LOVE ART

OPENING: Sa, 8.09. 11 – 20 Uhr, So, 09.09. 11 – 16 Uhr
LAUFZEIT: 08.09. – 20.10.2018

Galerie Jochen Hempel | Spinnereistrasse 7 | 04179 Leipzig

Carsten Fock ist ein Zeichendeuter seiner selbst: Er ist das Prisma, in dem sich Welt und Mythos, Denken und Leben, Musik und Sprache, Text und Bild, Wort und Wahn brechen, überlagern, ergänzen, verfremden. Seine Bilder verschwimmen und entstehen vor unseren Augen, sie sind ein Tanz der Gesten, und Carsten Fock zeigt dabei eine Präzision, die aus Intuition entsteht, ein Zulassen dessen, was Farbe und Material sind. Es ist Malerei im eigentlich Sinn.
Das Werk, das sich in all den Jahren gebildet hat, in Ausstellungen mit so evokativen Titeln wie God is in the House, Scendere a terra, Glaube und Verzweiflung, Die Würde und der Mut, Kosmos der Angst – ist dabei von überraschender Konsistenz und doch immer wieder neu. Carsten Fock variiert in seinen Gemälden und Zeichnungen bestimmte Motive, Schriften, Versatzstücke aus der Mythenwelt des Pop wie der Philosophie, des Privaten wie des Politischen, der Kunstgeschichte wie der eigenen Biographie. Malen als existenzieller Akt: Es ist die Kunst, die ihn am Leben hält, es ist das Leben, das seine Kunst zeigt.
Und wenn das nun sehr ernst klingt, dann ist das richtig und falsch zugleich, denn bei allem Drama, das die Bilder von Carsten Fock auch oft sind, innerem wie äußerem, sind sie in vielen Momenten doch auch von einer fatalistischen Heiterkeit, die nur der erreicht, der das Dunkle gesehen hat – sein Humor, bis in die Doppeldeutigkeit der Titel seiner Ausstellungen hinein (I love art – really?), gibt seiner Kunst eine angenehme Bodenlosigkeit, fast ein Schweben manchmal, das sich in Bewegung fassen lässt.
Wer will, kann sich ganz dieser Bewegung ergeben, denn die Bilder von Carsten Fock sind oft raumgreifend, selbst wenn sie kleinformatig sind, sie strecken sich aus über die Leinwand oder das Papier, sie drängen nach Dreidimensionalität und sind von einer grellen Energie, die direkt aus Fock selbst dringt. Und gleichzeitig, bei aller gestischen Abstraktion, sind die Bilder immer auch mehr als das, sie sind Teil einer Geschichte, deren Erzähler vor einer Weile abhanden gekommen ist, so scheint es, und nun sind die Bruchstücke zu besichtigen, die der Betrachter für sich, in seiner Weise, mit seinem Prisma zusammensetzen kann.

Georg Diez

Galerie Jochen Hempel

Textquelle | Bildquelle

 

Wir wünschen ein schönes ARTWEEKEND!

Leave a Reply