ARTWEEKEND TIPS – Woche 06/2018

Pedro Cabrita Reis, Nan Goldin, Justin Matherly

Laufzeit: 03.02.2018–14.04.2018

Galerie Kewenig | Brüderstr. 10, 10178 Berlin

Könnten die ästhetischen Strategien und Techniken der drei Künstler auf den ersten Blick nicht unterschiedlichersein, begegnen sich die Werke von Pedro Cabrita Reis, Nan Goldin und Justin Matherly doch in ganz wesentlichen Punkten – so z.B. in ihrer Sensibilität für die Bedingungen und den besonderen Geist von Ort und Zeit, die alle drei Künstler auf ihre ganz eigene Art auszeichnet, oder in ihrem konstanten Balancieren zwischen Fragilität und Intimität einerseits und Stärke und Entschlossenheit andererseits.

Nan Goldin, God’s fingers, Galway, Ireland, 2002 © KEWENIG, Berlin

 

Seit den frühen 1990er-Jahren kreist das Werk von Pedro Cabrita Reis um die Themen Behausung, Konstruktion und Territorium. Neben Arbeiten, die auf Fundstücken des Alltags wie Türen oder Fenster basieren, entwirft er immer wieder raumgreifende Installationen, die mit überwältigenden Strukturen Räume und Orte in Besitz nehmen. Cabrita Reis’ Werk schafft eine Atmosphäre von Leere, Einsamkeit und Stille. Der stoisch nachdenkliche Charakter seiner Stücke spielt auf die Obdachlosigkeit des Menschen als Grundkonstante der conditio humana an und ist damit eines der wichtigsten Leitmotive seines Schaffens. Die Türen sind zugenagelt, die Fenster sind blind, gefundene Reifen fahren nicht mehr. Cabrita Reis thematisiert Raum und Zeit, in dem er sich mit existenziellen Fragen des Selbst und des kulturellen Gedächtnisses auseinandersetzt: “Ein Kunstwerk ist für mich eine produzierte Realität, die die Erfahrung der Wirklichkeit als Erkenntnis fokussiert”, erklärt er.

Gemeinsam mit Cabrita Reis’ Arbeiten zeigt die Ausstellung Nan Goldins „Irish Landscapes“, die bis auf eine erste Museumsausstellung im Irish Museum of Modern Art in Dublin im vergangenen Jahr ungezeigt sind und während ihrer Besuche in Irland in den Jahren 1979 und 2002 entstanden sind. Während Goldin für ihre intensiven Portraits ihrer Freunde und Liebhaber seit den 1970er Jahren berühmt wurde, zeigen die “Irish Landscapes” unerwartete und fast alltägliche Motive –  und bewegtes Meer aus der Gegend um Donegal, Galway und Dublin, die (fast) menschenleer sind. Ähnlich wie in ihren Portraits haben die Bilder die Ästhetik von Schnappschüssen mit einer ihnen ganz eigenen Farbigkeit und Lichtqualität. Sie sind zutiefst emotional aufgeladen, rau und bewegt und fangen den luziden Moment ihres Entstehens mit ergreifender Kraft ein. Das einzige “figurative“ Werk Goldins in der Ausstellung, “Dream Grid” (2014), gehört im weitesten Sinne zum Werkkomplex “Scopophilia”, an dem sie seit 2010 arbeitet. Wie in einem Fries bringt sie in einem Bildgitter Fotografien von Details barocker Stillleben oder Aktbilder aus dem Louvre wie bspw. „Der Raub der Proserpina“ (1570) mit Fotografien einer ihrer schlafenden Liebhaberinnen zusammen.

Die in der Ausstellung gezeigten Werke des New Yorker Bildhauers Justin Matherly beziehen sich auf die Philosophie und Skulptur der Antike. Seine überaus zeitgenössischen Interpretationen antiker Skulpturen wie bspw. der des griechischen Gottes der Medizin, Asklepios und seines Sohnes Telesphoros aus Beton, Gips und Plastik sind gebrochen, zerkratzt, porös, mit Farbe verschmiert. Und sie stehen auf medizinischen Gehhilfen, die ihm als Sockel dienen und zugleich den Eindruck der Fragilität seiner Konstruktionen verstärken, aber den Figuren auch zu Mobilität verhelfen. Stehen sie zunächst im scheinbar größten Kontrast zu ihren marmornen Vorfahren, vermögen sie es jedoch gerade ob ihrer Schwächen und Unzulänglichkeiten mit größter Beharrlichkeit und Bescheidenheit, deren Moral und Geist wiederzubeleben.


CLOSING: Tracey Snelling | F̶i̶r̶s̶t̶ ̶W̶e̶ ̶T̶a̶k̶e̶ ̶M̶a̶n̶h̶a̶t̶t̶e̶n̶

Closing: 11.02.2018
Laufzeit: 18.01.2018-11.02.2018

Künstlerhaus Bethanien | Kottbusser Straße 10, 10999 Berlin

Tracey Snellings künstlerische Praxis basiert auf einem tiefen Interesse an soziologischen, psychologischen und geographischen Ereignissen. In ihrer Ausstellung, deren Titel auf das Lied von Leonard Cohen Bezug nimmt, werden verschiedene Formen ihrer charakteristischen kleinformatigen Raum- und Hausskulpturen gezeigt, während im Zentrum der Ausstellung zwei lebensgroße Rauminstallationen präsentiert werden. Beeinflusst von ihrer Umgebung, den pulsierenden und dunklen Gegenden Berlins, dessen vielfältige Urbanität, Kultur und Clubszene verschmilzt Snelling unterschiedliche Eindrücke mit Besonderheiten der digitalen Welt, Populärkultur, Nachrichten oder Politik und schafft so banale wie schräge Räume.

Tracy Snelling, Photo: David Brandt für Künstlerhaus Bethanien

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CLOSING: »MORGEN LAND«

Closing: 10.02.2018
Laufzeit: 18. 11.2017 – 10.02.2018

aff Galerie Berlin | Friedrichstraße 84 / Ecke Unter den Linden, 10117 Berlin

 

Die aff Galerie Berlin trägt in der Ausstellung „Morgen Land“ verschiedene künstlerisch dokumentarische Fotoserien, sowohl sehr junger als auch etablierter Positionen zusammen, die sich angesichts der enormen Herausforderungen unserer Zeit mit grundlegenden Wertevorstellungen zum Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen und diese facettenreich beleuchten.

Fragen nach Nachhaltigkeit stellen sich hier vor allem auf sozialer sowie auf ökologischer Ebene. So beschreibt Andrea Diefenbach (geb. 1974 in Wiesbaden) in ihrer vielfach ausgezeichneten Serie „Land ohne Eltern“ die Lebenssituation von Arbeitsmigranten aus Moldawien, einem der ärmsten Länder Europas. Ihre Fotografien verdeutlichen geradezu schmerzhaft die Distanz zwischen zwei räumlich voneinander getrennten Welten: die der in der Heimat zurückgelassenen Kinder und jene der Eltern in der Ferne.

Aus der Serie Asbestos © Matthias Walendy

Nina Poppe (geb. 1979 in Münster) schafft ein eindringliches Portrait japanischer Taucherinnen, auch „Ama“ genannt, die ohne jegliche moderne Tauchausrüstung exklusive Gourmetspezialitäten direkt vom Meeresboden aufsammeln. Dem hochangesehenen, 2000 Jahre alten Gewerbe droht die Verdrängung durch Überfischung und Industrialisierung. In ihrer Arbeit verbindet und zeigt Poppe gleichermaßen die besondere Form der weiblichen Emanzipation Japans sowie den nachhaltigen Charakter dieser Art der Fischerei.

Die Landschaftsaufnahmen der jungen Fotokünstlerin Ann Katrin Warter (geb. 1990 in Lindau am Bodensee) irritieren auf zweifache Weise. Ihre Arbeit „das Massiv“ erinnert zunächst an traditionelle Naturdarstellungen. Im Blick auf Berge und Täler werden allerdings bei genauer Betrachtung Unterschiede deutlich. Natürlich Gewachsenes und zivilisatorisch Überformtes treffen aufeinander und brechen mit der klassisch idyllischen Landschaftsvorstellung. Sich durch die Berge ziehende Straßen, gesicherte Hänge, angelegte Seen, sie bilden eine neue Einheit mit der gewachsenen Natur. Ein erweiterter Begriff von Landschaft entsteht, der das Künstliche, technisch Ergänzte und Veränderte bereits enthält und mitdenkt.

 

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Total Sellout 2018

Laufzeit: 09.02.2018 – 11.02.2018

Neurotitan Galerie | Rosenthaler Strasse 3 , 10178 Berlin

Total Sellout ist eine etablierte Underground Art Show mit Tradition und klarem Fokus: Alles muss raus.

Seit 15 Jahren findet der Sellout meist jährlich in verschiedenen Lokationen statt, bisherige Stationen waren London, Berlin, Dresden und Leipzig. Namhafte Künstler und Illustratoren stellen ein Wochenende lang Werke aus, die für kleine Preise verkauft werden: Zeichnungen, Malerei, Prints, Skulpturen und Zines, die auch für Studenten und Geringverdiener erschwinglich werden.

Mit dabei sind diesmal:

LilKool | Leon Eisermann | Brie Moreno | Matt Lock | Benedikt Rugar | Maren Karlson | Jonathan Castro | Kyle Platts | Alexander Endrullat | Tony Franz |Lars Frohberg | Marc Hennes | Lucie Freynhagen | Christian Henkel | Nadja Butterndorf | Paul Loubet | Jordy van den Nieuwendijk | Paul Paetzel |Jay Daniel Wright | Clemens Reinecke | Ricaletto | Shoboshobo | Frank Diersch | Dominik Tattoo | Jack Taylor | Ruohan Wang | Torsten Schumann | Paul Waak | Eric Winkler | Kevin

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OPENING: Arthur Jafa | A SERIES OF UTTERLY IMPROBABLE, YET EXTRAORDINARY RENDITIONS (FEATURING MING SMITH, FRIDA ORUPABO AND MISSYLANYUS)

Laufzeit: 11.02.2018 – 25.11.2018

Julia Stoschek Collection| Leipziger Strasse 60, 10117 Berlin

Die JULIA STOSCHEK COLLECTION freut sich, das Werk des US-amerikanischen Filmemachers, Kameramanns und Künstlers Arthur Jafa (geboren 1960 in Tupelo, Mississippi, USA) in seiner ersten Ausstellung in Deutschland präsentieren zu dürfen – zusammen mit Beiträgen von Ming Smith, Frida Orupabo und Missylanyus. Die Ausstellung wurde gemeinsam mit den Serpentine Galleries konzipiert und von Hans Ulrich Obrist und Amira Gad kuratiert. Erstmals präsentiert in den Serpentine Galleries vom 8. Juni – 10. September 2017.

Jafa stellt mit seinen Arbeiten eine Annäherung an den Aspekt der radikalen Entfremdung schwarzen Lebens im Westen her, während er versucht, die Kraft, wie sie in afrikanischen Darstellungsformen zum Ausdruck kommt, sichtbar zu machen oder zu befreien. Mit Bezügen, die von Fang-Skulpturen bis zu Mississippi Juke Joints, von Marcel Duchamps Urinal bis zum Jazz reichen, beweist er als Filmemacher ein untrügliches Gespür für den Schnitt und die Nebeneinanderstellung von Sequenzen, um so eine maximal intensive Wirkung zu erzielen. Arthur Jafas Arbeiten sind historisch-inhaltlich in ein afrikanisch amerikanisches – schwarzes – Selbstverständnis eingebettet. Von einem starren Diskurs befreit schafft er damit ein Szenario, in dem diese „Historien“ eine universelle Bedeutung erhalten könnte.

Der Titel der Ausstellung A SERIES OF UTTERLY IMPROBABLE, YET EXTRAORDINARY RENDITIONS (dt. Eine Serie von absolut unwahrscheinlichen, gleichzeitig außergewöhnlichen Darstellungen) bezieht sich auf das Gefühl des Nicht Vorhandenseins, das der Künstler in der Lebenswirklichkeit der Schwarzen beobachtet. Der Begriff „Rendition“ verweist auf Jafas Interpretation einer Ästhetik, die ihren „Stoff“ aus einer schwarzen Lebenswelt bezieht und historisch in Bilder, Objekte und Artefakte eingeschrieben ist. Durch die Neuaufführung dieser Narrative in der Gegenwart imaginiert und konstruiert Jafa neue Möglichkeiten ihrer Sichtbarmachung.
A SERIES OF UTTERLY IMPROBABLE, YET EXTRAORDINARY RENDITIONS umfasst zudem Beiträge dreier weiterer Künstler: Werke der Fotografin Ming Smith, den lnstagram-Feed der Künstlerin Frida Orupabo – @nemiepeba – sowie Inhalte des YouTubeKanals von Missylanyus. Gemeinsam sind diese ‚Plattformen‘ bzw. ‚Gastbeiträge‘ ein wesentlicher Aspekt von Jafas Präsentation in den Räumen der Sammlung und würdigen den Einfluss anderer Werke auf seine eigene Arbeit.

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 Wir wünschen ein schönes ARTWEEKEND!

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