ARTWEEKEND TIPS – Woche 11/2018

UNDERGROUND UND IMPROVISATION.
ALTERNATIVE MUSIK UND KUNST NACH 1968

Laufzeit: 15.03.2018 – 06.05.2018

Akademie der Künste| Hanseatenweg 10| 10557 Berlin

Vom 15. März bis 6. Mai 2018 beschäftigen sich zwei Ausstellungen am Hanseatenweg mit alternativen Musik- und Kunstbewegungen in Ost und West, vom Jahr der Studentenrevolte und des Prager Frühlings bis zur Nachwendezeit in Berlin und Osteuropa. Das umfangreiche Begleitprogramm umfasst insgesamt 35 Veranstaltungen wie Konzerte, Filmaufführungen und Diskussionen.

Günter „Baby“ Sommer, Peter Kowald, Wadada Leo Smith, Chicago Wuppertal Dresden im Flöz/Berlin, 1979, Foto: Dagmar Gebers © Dagmar Gebers/FMP-Publishing

Die Ausstellung „Free Music Production / FMP: The Living Music“ widmet sich der Geschichte des Musiklabels Free Music Production (FMP), das von 1968 bis 2010 als Berliner Plattform für die Produktion, Präsentation und Dokumentation von Musik aktiv war. Seit den späten 1950er-Jahren hatte es immer wieder Versuche von Musikern gegeben, ihre Produktions- und Arbeitsbedingungen selbstbestimmt zu gestalten. Weil der Saxofonist Peter Brötzmann den Veranstaltern der Berliner Jazztage (heute Jazzfest Berlin) nicht garantieren konnte, dass seine Gruppe in schwarzen Anzügen auftreten würde, und deshalb wieder ausgeladen wurde, organisierte er 1968 zusammen mit dem Bassisten Jost Gebers das erste Total Music Meeting (TMM). Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich FMP zu einem internationalen Brennpunkt für aktuelle, zu Beginn teils heftig umstrittene improvisierte Musik. Bereits 1969 begann auch die Dokumentation der Musik auf Schallplatten. Als erstes westliches Label nahm FMP auch Musiker aus der DDR sowohl in Ost- als auch in Westberlin auf. Die gesamte Tonträgerproduktion von annähernd 500 Einspielungen auf FMP und seinen Sublabeln hat mittlerweile Kultstatus.

Die Ausstellung stellt beispielhaft für die vielen Hundert Konzerte und Veranstaltungen, die wichtigsten von FMP entwickelten und bis heute oft kopierten Konzertformate vor – zum Beispiel den Workshop Freie Musik oder das Total Music Meeting. Sie dokumentiert mithilfe von Fotografien, Postern, Flyern, Originaldokumenten, Interviews sowie vielen noch nie zuvor gesehenen dokumentarischen Videos und bisher unveröffentlichten Aufnahmen aus dem FMP-Archiv von Jost Gebers eine einzigartige Musik- und Kulturgeschichte zwischen West und Ost, die damit an ihren ursprünglichen Veranstaltungsort in der Akademie zurückkehrt.

(E-E) Evgenij Kozlov KINO, 1985 © (E-E) Evgenij Kozlov / Sammlung Muzeum Sztuki, Łódź

Erstmals zeigt die Ausstellung „Notes from the Underground – Art and Alternative Music in Eastern Europe 1968 – 1994“ die engen Beziehungen zwischen alternativen Szenen der Musik und der Bildenden Kunst in Osteuropa in jener Zeit. In Abgrenzung zu staatlicher Regulierung wurden Rockmusik, Punk oder New Wave, Performance, Fashion, Musikvideos und Super-8-Filme in ihren oft improvisierten Distributionsformen zu künstlerischen Ausdrucksformen einer Gegenkultur. Zensur und Mangel führten zu einfallsreichen und oftmals ironischen Arten des Arbeitens, so agierten Künstler mit zum Teil selbst gebauten Instrumenten, nahmen eigene Songs auf Kassetten auf oder vertrieben kleine Auflagen von Samizdat-Zeitschriften. Dabei verliefen die Grenzen zwischen dem Offiziellen und Alternativen oft unscharf. In den liberaleren Staaten Osteuropas wie Polen und Jugoslawien gab es Plattformen für Künstler und Musiker der Neo-Avantgarde. In der Sowjetunion und der Tschechoslowakei bildeten Künstler und Musiker Gemeinschaften in Kommunen oder besetzten Häuser. Mitglieder von  Gruppen wie „The Plastic People of the Universe” (Prag) führte der Konflikt mit den Behörden ins Gefängnis. Hinzu kamen ab dem Beginn der 1980er Jahre Piratenprogramme, als westliche Videokameras nach Osteuropa importiert wurden. Die Ausstellung ist thematisch strukturiert, zahlreiche Arbeiten und dokumentarische Aufzeichnungen von Aufführungen werden erstmals gezeigt. Dazu gehören u.a. Archivbestände der Akademie der Künste, frühe visuelle Notationen von Katalin Ladik oder ein Klangobjekt von Karel Kurismaa aus Tallinn.

Das internationale Musikprogramm zu beiden Ausstellungen findet in Anlehnung an die damaligen FMP-Workshops und  Konzerte vielfach in der Ausstellungshalle, aber auch in weiteren Räumen des Akademie-Gebäudes am Hanseatenweg sowie an weiteren Orten in Berlin statt. Es bietet u.a. eine Bühne für Konzerte mit Künstlerinnen und Künstlern der beiden Szenen des  „Underground“ und von „FMP“ wie der litauischen Schlagzeug-Legende Vladimir Tarasov (Eröffnung, 22 Uhr) und dem FMP Mitgründer und Saxophonisten Peter Brötzmann. Aus der osteuropäischen Performance-Szene werden u.a. Katalin Ladik (Ungarn) und das Duo „Ornament und Verbrechen“ dabei sein. Darüber hinaus beziehen jüngere Musikerinnen und Musiker der internationalen Improvisationsszene Stellung zu den Aktivitäten und Ästhetiken der 1960 bis 1990er- Jahre, wie das Trondheim Jazz Orchestra, die multinationale Gruppe HEARTH oder die Barcelona Series aus Berlin. Außerdem treten Musikerinnen und Musiker der jungen Moskauer Impro-Szene zusammen mit Mitgliedern des Berliner Splitter-Orchesters oder das interdisziplinäre Duo Blook Project aus Kiew auf.


CLOSING: Achtung! Sektorengrenze! Eine Berliner Grenzbegehung im Januar 1959

Laufzeit: 26.01.2018 – 17.03.2018

Galerie für Moderne Fotografie | Schröderstrasse 13 | 10115 Berlin

Es war ein kalter Morgen im Januar 1959, an dem sich der Ostberliner Fotograf Konrad Hoffmeister aufmachte, um die Grenze abzuschreiten, die sich mitten durch seine Stadt zog – eine der Frontlinien, an denen sich in der ganzen Welt zwei feindliche Lager gegenüberstanden. Anders als in Korea fielen im Berlin des Kalten Krieges aber vorerst keine Schüsse. Noch konnte man ohne Gefahr für Leib und Leben von Ost nach West und von West nach Ost gelangen – durch den bloßen Wechsel der Straßenseite, durch das Überqueren einer Brücke oder das Passieren eines Tores. Keine zwei Jahre später änderte sich das grundlegend. Da spannte sich an den Orten, die Hoffmeister bei seiner Grenzbegehung fotografierte, der Stacheldraht, wuchs Stein für Stein eine Mauer, die Berlin fast drei Jahrzehnte lang endgültig zerteilen sollte.
Der Weg des Fotografen berührte alle vier Sektoren, den französischen, den britischen, den amerikanischen und natürlich immer wieder den sowjetischen. In der Gegend an der Bernauer Straße begann er zu fotografieren, folgte dann der Sektorengrenze bis zur Kieler Brücke und von dort südwärts durch den Tiergarten zum Potsdamer Platz, um sich dann nach Osten zu wenden und der Frontlinie über den Checkpoint Charlie bis zum Schlesischen Tor nachzugehen. Seine Aufmerksamkeit galt dabei nur selten den belebten Übergängen der nach wie vor durchlässigen Grenze. Seine Fotografien werden vielmehr beherrscht von Mauern, von Zäunen und Gräben und den allgegenwärtigen Warn- und Propagandaschildern der einander feindlichen Besatzungsmächte und ihrer deutschen Verbündeten. Fahl ist das Licht in der winterlichen Schneelandschaft, in der die Grenzlinie verläuft, eisig die Atmosphäre. Trotz der vielen Pendler zwischen Ost und West sind auf den Bildern nur wenige, oft einsame Menschen zu sehen. So dokumentieren die Fotografien nicht nur die damalige Situation, sondern wirken – zumindest für den heutigen Betrachter – visionär, wie eine Vorwegnahme künftiger Ereignisse.

KONRAD HOFFMEISTER, O.T.,  O.T. EDITION 1/5 (AN DER KIELER BRÜCKE, MOABIT) BLATTFORMAT 24 X 30 CM PIGMENTDRUCK AUF FINE ART BARYTPAPIER

Hoffmeisters Aufnahmen verdanken sich zweifellos der aktuellen Zuspitzung des Ost-West-Konflikts durch eine Note des sowjetische Parteichefs Nikita Chruschtschow, der die Westmächte zwei Monate zuvor ultimativ aufgefordert hatte, aus Berlin abzuziehen und Westberlin in eine »entmilitarisierte«, man kann auch sagen: wehrlose »Freie Stadt« umzuwandeln, die nach seinem Willen unabhängig von der Bundesrepublik und von der DDR existieren sollte. Von der östlichen Propaganda als »Friedensinitiative« gepriesen, -löste die Note eine heftige politische Krise aus, die zur Konfrontation gefechtsbereiter Panzer mitten in Berlin führte und deren bleibendes Ergebnis die Berliner Mauer wurde.

Konrad Hoffmeister (1926–2007), damals 32 Jahre alt, gehörte zu den wenigen ostdeutschen Fotografen, die ihre Zeit mit gebotener Skepsis beobachteten und unabhängig von offiziellen Aufträgen aus eigenem Antrieb dokumentierten. Hoffmeister lehnte das Ziel des Aufbaus eines sozialistischen Staates keineswegs ab, aber es war ihm unerträglich, dass die Einheitspartei jeden eigenen Gedanken, jede abweichende Ansicht im Keim zu ersticken trachtete. Aus diesem Grunde war er schon im Sommer 1956 aus der SED ausgetreten und galt von da an als »Verräter«. Er verlor umgehend seine Anstellung als Dozent für Fotografie an der Kunsthochschule in Weißensee und bekam auch keine andere mehr. Aber es gelang ihm, sich in Ostberlin als selbständiger Theater-, Film- und Werbefotograf zu etablieren und daneben unabhängig und mit viel anarchischem Geist seinen eigenen künstlerischen Interessen nachzugehen.

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Carsten Fock | Endlichkeit

OPENING: 16.03.2018, 19 Uhr
Laufzeit: 17.03.2018 – 12.04.2018

Knust x Kunz | Theresienstraße 48 | 80333 München

Worin besteht also die Freiheit des Menschen? Freiheit, die in der Welt nicht existieren kann, muss existieren in Gedanken. Was aber passiert, wenn man etwas imaginiert, das es nicht so gibt? Ist das Drama, jeden Tag von Neuen, für all die, die nicht aufhören wollen, die nicht, aufgeben wollen, die nicht aufgeben wollen, die weiter machen, weil es um “die ewige Revolte” geht, die es nie mehr geben wird im Leben, aber auf der Leinwand. Das ist der Tausch des Künstlers, das ist die Einsicht, nicht als Ergebenheit, sondern als Tribut an die Endlichkeit.

© Carsten Fock

Sie flirren fast, die Landschaften, die Fock seit Jahrzehnten als Metapher und Struktur beschäftigen, der Watzmann, DER BERG, lila erleuchtet, Schemen von schweren Stein auf beiger Leinwand, eine Begegnung mit der Dauer, die durch Eruption und Revolte entstanden ist. DER BERG, wie er sich dem Betrachter entzieht, durch Wolken, Lichtbrechungen, Verwerfungen, wie er sich dem Auge oder der Seele, falls es sie gibt, offenbart, strahlend im Gelb eines Morgens, den es so nie gab und so nie geben wird und der doch auf uns wartet, am Ende, möglicherweise. “Endlichkeit meint Landschaft” sagt Carsten Fock, “eine Landschaft die KEINE URTEILE über uns hat, sich nicht anpasst, weil sie ist”.

Georg Diez

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Trix & Robert Haussmann |The Log-O-Rithmic Slide Rule: A Retrospective

Laufzeit: 10.02.2018 – 29.04.2018

KW Institute for Contemporary Art| Auguststraße 69 | 10117 Berlin

Trix (*1933 in Chur, CH) & Robert Haussmann (*1931 in Zürich, CH) gehören zu den wichtigsten Schweizer ArchitektInnen des 20. Jahrhunderts. Als Architektur- und Design-Duo haben sie während ihrer beruflichen Laufbahn über 650 Projekte gemeinsam realisiert, darunter die legendäre Da Capo BarShopville im Zürcher Hauptbahnhof, die Boutique Weinberg, die bekannte Kronenhallenbar sowie erfolgreiche Experimente künstlerisch und handwerklich gefertigter Möbel. Seit der gemeinsamen Gründung der „Allgemeinen Entwurfsanstalt“ in den 1960er Jahren wurden Trix & Robert Haussmann zu Pionieren ihrer Zeit, indem sie fortwährend die Prämissen moderner, kanonischer Ordnung und Ansätze zur spielerischen Umdeutung linguistischer, architekturtheoretischer Dogmen brachen.

Trix & Robert Haussmann, Chair Fun: Neon-Stuhl, 1967/2012, Installationsansicht KW Institute for Contemporary Art, Courtesy Zürcher Hochschule der Künste, Museum für Gestaltung Zürich

Während sie dem Diktum „form follows function“ ausweichen, verfolgen ihre Entwürfe einen „manierismo critico“ (einen „kritischen Manierismus“), der es ihnen erlaubt, das Alte und das Neue miteinander zu verschmelzen, Kontroversen zu erzeugen und innerhalb dessen mit Ambiguität, Widerspruch und Zufall zu arbeiten. Diese zugleich engagierte und sorgfältige Auseinandersetzung mit ästhetischen Konventionen war stets ihrer Zeit voraus und leistet auch heute noch einen wichtigen Beitrag zum zeitgenössischen Kunst- und Architekturdiskurs.

Die Ausstellung bespielt die erste und zweite Etage und präsentiert Highlights aus dem Privatarchiv von Trix & Robert Haussmann sowie Hauptarbeiten aus der Sammlung des Museums für Gestaltung in Zürich, aus der Privatsammlung Peter Röthlisberger und Beispiele der innenarchitektonischen Designs von Trix & Robert Haussmann.

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Wir wünschen ein schönes ARTWEEKEND!

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