ARTWEEKEND TIPS – Woche 13/2018

bitch MATERial
23. März, 2018 – 08. April, 2018
Studio 1, Kunstquartier Bethanien, Berlin

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Shigeru Takato | «Television Studios»
03. März, 2018 – 01. April, 2018
aff Galerie, Berlin

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Blind Faith: Zeitgenössische Kunst zwischen Intuition und Reflexion
02. März, 2018 – 19. August, 2018
Haus der Kunst, München

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BEYOND THE MOON
Kuratiert von Green | Gonzalez
17. März 2018 – 29. April, 2018
Haus am Lützowplatz, Berlin


bitch MATERial

Laufzeit: 23.03.2018 – 08.04.2018

Studio 1, Kunstquartier Bethanien| Mariannenplatz 2 | 10997 Berlin

bitch MATERial
Ausstellung mit Begleitprogramm zur Erweiterung des Mutterbegriffs

Was ist eine Mutter heute? Frau, Löwin, Schlampe, Hure oder Heilige? Es gibt viele Klischees und „Wahrscheinlich ändern sich die Traditionen nie“, vermutet Iris Schieferstein, in ihrem Werk „she imagined“: Ein gut gelaunter Knabe im rosafarbenen Schlafanzug mit einem Holzschwert in der Hand reitet auf einer knieenden, nackten Frau mit Pferdeschweif am Hintern und Pferdemaske im Gesicht. Der Knabe: ihr Sohn? Ein Rollenklischee pointiert in Szene gesetzt. Mutter-Sein ist das Thema der Ausstellung bitch MATERial. Aber, was ist das: Die Mütterlichkeit, die Mutterschaft, das Mutter-Sein? Rollenbilder, die heute alles andere als eindeutig sind.

Annique Delphine, Single Serve Feminism, 2018, Digitaler Farbdruck, 90 x 60 cm © Annique Delphine

Schieferstein ist eine von ca. 30 internationalen Künstler*innen, die Werke zur Ausstellung beigesteuert haben. Auch Kinderlose und männliche Künstler sind vertreten und zeigen ebenfalls Aspekte des Mutterseins. Denn Mutterschaft soll neu definiert werden. „Löwinnen werden, wenn sie Jungen haben, viel aktiver als vorher, jagen mehr, sind effektiver und verteidigen den Nachwuchs aggressiver“, weiß Britta Helbig, die zusammen mit Saralisa Volm die Ausstellung kuratiert hat. Die aktive Künstlerin und Mutter steht daher im Zentrum der Ausstellung bitch MATERial.

Der Begriff „Bitch“ war bisher nicht positiv konnotiert, hat jedoch im Sinne einer „bad bitch“ als selbstbestimmte und erfolgreiche Frau eine Neudefinition erfahren. Wobei von den Kuratorinnen durchaus intendiert ist, dass die Kombination der Begriffe bitch material und MATER – Mutter – zunächst Irritation, dann jedoch Fragen hervorruft. Dieser vermeintliche Widerspruch wurde so auch den Ausstellungsmacherinnen entgegen gehalten, als sie Sponsoren für ihr Projekt suchten. Dass gute Mädchen in den Himmel und böse überallhin kommen, ist mittlerweile ein Gemeinplatz und wird in Candice Breitz Videoarbeit „Soliloquy (Sharon)“ anschaulich zum Ausdruck gebracht. Aber dass Mutterschaft, aktive Sexualität, und die aktive Produktion guter Kunst Hand in Hand gehen können, ist noch immer ein Thema, das nicht akzeptiert ist. Mütter gelten wahlweise als liebevolle Glucke oder gestresste Helicopter-Mum, die vielleicht nach der Babypause, mit dem Älterwerden der Kinder wieder als Künstlerin aktiv sind, oder auch nicht.

Die beteiligten Künstlerinnen sprengen das Klischee: Preise für die raffinierten Arrangements von Lara Schnitger (Hauser+Wirth) bewegen sich in Regionen, die hinter denen ihrer erfolgreichen männlichen Kollegen nicht zurück stehen. Die Professorin Mathilde ter Heijne reflektiert seit Jahren auf beispielhaft analytische Weise Frauenklischees- und Rollen. Werke von Cornelia Renz sind bei internationalen Sammlern ebenso gefragt, wie die ihrer männlichen Kollegen. Dennoch: das Klischee der Mutter, die einer überbordenden Familienlast gegenüber steht, beziehungsweise sitzt, wie in der Performance In Balance with von Courtney Kessel, existiert noch immer.

Kirsten Becken, Die Ewige Träne, 2017, Digitaler Farbdruck, 70 x 100 cm © Kirsten Becken

Bitch MATERial thematisiert mit einem lustvollen, positiven und spielerischen Ansatz, wie gendertypische Strukturen aufgebrochen werden können, wie sich etablierte, restringierende Codes angesichts der Banalität empirisch ermittelbarer Realität verflüchtigen und wie emotionsgeladene, vermeintlich fluide gesellschaftliche Rollenmuster ihre Permanenz fordern. Der Mann als full-time- dad und als alleiniger Vertreter beim Elternsprechtag: ein Problemfall, der sich zunächst einmal rechtfertigen muss. Die Transgender-Frau, die glücklich in den Ehestand tritt und Kinder adoptiert oder der Transgender Mann, der schwanger wird: Exoten.

Darum fordert die Ausstellung: Mutterschaft neu denken! „Ausgangspunkt kann nur der Gedanke an das Wohl der Kinder sein. Das ist unabhängig davon, wie Mütter ihren Beruf oder ihre Sexualität leben oder ob sie Vollblutkünstler*innen sind.“, so Britta Helbig. Mutter könnten daher wahlweise der (schwule) Vater, die biologische Mutter, oder auch die Transgender Eltern sein. Denn es ist an der Zeit, dass gesellschaftliche Rollen in einer freien Gesellschaft frei wählbar und nicht festgelegt sind. Das umfangreiche Begleitprogramm (Podiumsdiskussionen, Männer-Stammtisch etc.) zum Thema Mutterbilder, Familie und Gender in Gesellschaft und Kunstmarkt soll die Thematik für Kinder und Erwachsene über das bloße Rezipieren hinaus ergänzen und erlebbar machen.


Shigeru Takato | Television Studios

Closing: 01.04.18
Laufzeit: 03.03.18 – 01.04.18

aff Galerie | Kochhannstr. 14 | 10249 Berlin

Das Fernsehen porträtiert ausschnitthaft unsere Welt, übermittelt uns Informationen in Form von Narration in unsere Wohnzimmer und besitzt so eine nicht zu unterschätzende Macht, unsere Sichtweise auf die Realität zu beeinflussen und zu lenken. Das Fernsehen erschafft in diesem Sinne Realität. Ein Bild unserer Wirklichkeit. Das Fernsehstudio als Ort ist ein Knotenpunkt elektromagnetischer Energie, menschlicher Energie. TV-Kameras dokumentieren Konflikte, Kriege, Naturkatastrophen, menschliche Schicksale und historische Ereignisse, die als audiovisuelle Information durch das Fernsehstudio weitergeleitet werden.

Budapest VIII, 2009, Just Blue Box Duna TV © Shigeru-Takato

Shigeru Takato richtet seine Kamera auf diese Orte, blickt auf und hinter die Kulisse der Höhle Platons. Durch die Reduktion auf das Visuelle der Fotografie legt er die Werkzeuge unseres Informationsflusses frei. Takatos Studios sind still, aufgenommen kurz vor Sendungsbeginn. So werfen seine Fotografien den Betrachter auf sich selbst zurück. Sie hinterfragen den stetig wachsenden Durst nach Mehr in unserem sogenannten Informationszeitalter. Mit seiner Kamera unterbricht er den einseitigen Informationsfluss und hält ihm den Spiegel vor. Seit 2001 hat Takato bereits mehr als 200 Fernsehstudios in Europa, Asien, Südamerika und dem Mittleren Osten fotografiert. „Television Studios“ ist ein fortlaufendes Projekt.

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Blind Faith: Zeitgenössische Kunst zwischen Intuition und Reflexion

Laufzeit: 02.03.18 – 19.08.18

Haus der Kunst | Prinzregentenstraße 1 | 80538 München

Harte Tatsachen verlieren zunehmend an Gewicht in einer Zeit, in der sich in heutigen Gesellschaften ein Gefühl „blinden Vertrauens“ breit macht. Die Gegenwartskunst reagiert auf diese Tendenz, indem sie sich intensiv mit Körper und Geist beschäftigt: mit dem Viszeralen und dem Kognitiven. Die Ausstellung versammelt 28 international aufstrebende Künstler, die Konzepte von Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Meinung und Glauben mit den unterschiedlichsten Mitteln unter die Lupe nehmen:
Ed Atkins, Kader Attia, Olga Balema, Melanie Bonajo, Mariechen Danz, Cécile B. Evans, Andrea Éva Győri, Benedikt Hipp, Nicholas Hlobo, Marguerite Humeau, KAYA, Hanne Lippard, Wangechi Mutu, Otobong Nkanga, Naufus Ramírez-Figueroa, Jon Rafman, Mary Reid Kelley, Lili Reynaud-Dewar, Raphael Sbrzesny, Jeremy Shaw, Teresa Solar Abboud, Jol Thomson und David Zink Yi.

Mary Reid Kelley mit Patrick Kelley, This is Offal, 2016, 1-Kanal-Video, HD, Ton (film still), 12:30 Min © the artists and Arratia Beer

Durch die sozialen Medien und das Internet haben Printmedien, Radio und Fernsehen in Bezug auf Nachrichten, Fakten und Hintergrundinformationen ihre ehemalige Monopolstellung teilweise eingebüßt. Zwar hat sich das Spektrum von Informationsquellen erweitert, aber die Masse an Information, sei sie fundiert oder fake, hat in ihrer Unüberschaubarkeit für den Einzelnen eine destabilisierende Wirkung. Im Zuge dieser Entwicklung haben harte Tatsachen an Gewicht verloren; zudem ist die Tendenz entstanden, Nachrichten und Informationen mit emotionalen Anteilen zu mischen. In extremer Ausprägung kann an die Stelle von solider Information „blindes Vertrauen“ treten. Insgesamt ist zwar mehr Freiraum entstanden, jedoch mag diese Entwicklung auch „zur Korrosion bestimmter Eckpfeiler der Gesellschaft, wie religiöse und politische Institutionen, beigetragen haben“, so Okwui Enwezor. Vor zwei Jahren lud der Direktor im Haus der Kunst drei KuratorInnen aus seinem Team zu einer umfassenden Recherche ein, welche ästhetischen Überlegungen zu dieser gesellschaftlichen Entwicklung in den Werken junger KünstlerInnen, die in den letzten fünf Jahren entstanden, zu finden sind.

Melanie Bonajo, Fake Paradise (from the trilogy Night Soil), 2014, (film still) © Melanie Bonajo and AKINCI

Blindes Vertrauen -„Blind Faith“- ist ein Amalgam aus Körperlichem (Blindheit) und Immateriellem (Glauben). Den ausgewählten Werken ist gemeinsam, dass sie den menschlichen Körper als Instrument einsetzen, und den Geist eher als Raum für tief reichende Experimente ansehen, mit dessen Hilfe eine neue Form von Wissen entstehen kann.

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BEYOND THE MOON |
Kuratiert von Green | Gonzalez

Laufzeit: 17. 03.18 – 29. 04.18

Haus am Lützowplatz | Lützowplatz 9 | 10785 Berlin

Bevor Galileo Galilei sein Teleskop auf den Mond richtete, galt dieser noch als Spiegel der Erde und dessen Rückseite als die Entsprechung der dunklen, verborgenen Seite der menschlichen Seele. Die Ausstellung BEYOND THE MOON wirft einen Blick auf die irrationalen, manchmal zerstörerischen, Züge des Ich-Seins. Durch den Blick der Künstler*innen werden die Besucher mit den verborgenen Facetten ihrer eigenen Existenz konfrontiert. Dabei findet eine kritische Gegenüberstellung von Traum und Alptraum, Theologie und Philosophie, Gegenwart und Zukunft statt.

Cathrine Lorent – Ahoi! Leinen los – Lysiane, 2016, Tusche, Aquraell, Papier, 30x23cm © C. Lorent

Die dunkle Seite des Mondes, die wir aus der Perspektive der Erde nie zu Gesicht bekommen, steht für das Unbekannte, dass wir in uns selbst suchen und dem wir tagtäglich begegnen. Ob vor der eigenen Haustür oder aus den Weltnachrichten – das Echo von Kriegen, Wirtschaftskrisen und Entmenschlichung lässt uns an unser Vertrauen in ein aufgeklärtes, fortschrittliches Miteinander zweifeln. Die Ausstellung geht der Frage nach, ob die ausstellenden Künstler*innen allesamt skeptische Individualist*innen sind, die auf eine Gesellschaft und deren dunkelsten Geschehnisse mit dem Wunsch auf Selbstentfaltung reagieren oder ob sie diese Welt hochsensibel aufnehmen, so dass die äußeren Eindrücke nahezu ungefiltert ins Innere dringen, die dann ihre künstlerische Form finden. Unverkennbar zeigen sich Gemeinsamkeiten und Beziehungen zwischen den Werken der Künstler*innen. Obwohl diese aus verschiedenen Kontinenten stammen, noch nie zusammengearbeitet haben oder sich gegenseitig beeinflussten, erkennt man wiederkehrende Motive, die bereits in der Dunklen Romantik Ende des 18. Jahrhunderts auftauchen: Ob in den entrückten Fabelwesen, der Beschäftigung mit Parawissenschaften oder beim Aufspüren metaphysischer Phänomene in Naturerscheinungen.

BEYOND THE MOON enthüllt eine versteckte Kartografie des menschlichen Seelenlebens, die sich idealerweise aus einer Idylle der Weltlichkeit heraus bewegt, um gesellschaftliche Entwicklungen aus einer normativ-befreiten, globalen Perspektive zu beleuchten.

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Wir wünschen ein schönes ARTWEEKEND und Frohe Ostern!

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