ARTWEEKEND TIPS – Woche 14/2018

SETH PRICE | SOCIAL SYNTHETIC
  ‐  Museum Brandhorst, München

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Marius Bercea | Time Can Space
03.03.2018 – 14.04.2018
Blain Southern, Berlin

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ASTRID KLEIN | TRANSCENDENTAL HOMELESS CENTRALNERVOUS
24.03.2018 – 02.09.2018
Deichtorhallen, Hamburg

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EX UND HOPP
26.01.2018 -07.04.18
Institut français, Berlin

 

 


SETH PRICE | SOCIAL SYNTHETIC

CLOSING: 08.04.18
Laufzeit:   ‐  

Museum Brandhorst | Theresienstraße 35a | 80333 München

Das Museum Brandhorst präsentiert die international erste Überblicksausstellung des US-amerikanischen Künstlers Seth Price (*1973). Die mehr als 100 Werke umfassende Ausstellung zeigt Skulpturen, Filme, Fotografien, Zeichnungen, Malerei, Videos, Kleider und Textilien, Web-Design, Musik und Dichtung. Price dringt seit seinen künstlerischen Anfängen programmatisch in Territorien jenseits der bildenden Kunst vor. Er greift die Produktions- und Vertriebsformen der Musikindustrie, der Modewelt und des Literaturbetriebs auf und nutzt ihre Dynamiken für seine Kunst. Dabei beschäftigt er sich mit den fundamentalen Veränderungen der visuellen Kultur, die mit der flächendeckenden Etablierung digitaler Medien der jüngsten Gegenwart einhergehen.

Seth Price gehört jener Zwischengeneration an, die noch vor der Etablierung des Internets geboren wurde und seine Ausbreitung in allen Schritten hautnah miterlebt hat: die ersten Computerspiele und -programme der 1980er-Jahre, die demonstrativ ihre pixeligen Ästhetiken zur Schau stellten; das Internet als Ort politischer Utopien der 1990er-Jahre, die in der neuen Technologie demokratisierende Potentiale vermuteten; und schließlich die alle Lebensbereiche durchdringende Digitalisierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts durch Web 2.0 und Smartphone. Die Digitalisierung fungiert ab 2001 zunehmend als Katalysator aufziehender gesellschaftlicher Krisen, vom „War on Terror“, der auch als Krieg der Bilder geführt wurde, bis zu den Krisen des Finanzsystems. Die künstlerische Praxis von Seth Price entwickelt sich entlang dieser Konflikte und der Begehrensmuster, die das Leben in einer globalen neoliberalen Gesellschaft antreiben.

Seth Price, Different Kinds of Art, 2004 (Detail), Vakuum-geformtes, schlagfestes Polystyrol, 82,6 x 129,5 cm, Collection of Candace and Michael Barasch, Courtesy of Petzel Gallery © Seth Price

Eines der zentralen Themen in Prices Arbeiten ist der bedrohte Status des Subjekts. Angesichts der dramatischen Umwälzungen einer mediatisierten Gegenwart zieht sich dieses Selbst zunehmend an seine Oberflächen zurück oder scheint in seiner Abwesenheit auf: die „Vacuum Forms“ (2004-12) zeigen in Kunststoff abgeformte Körperteile, die „Silhouettes“ (2007 09) greifen digitale Aufnahmen aus dem Internet auf, die intime Gesten menschlicher Verständigung – wie der Handschlag oder Kuss – nur noch als Negativraum fassbar werden lassen, und die im Untergeschoss des Museums Brandhorst gezeigten Leuchtkästen (2016-17) basieren auf fotografischen Studien menschlicher Haut, die sich auf kartographische Technologien der Firma Google stützen. Einige der Werke besitzen keine feste Form, sondern können je nach Raum und Kontext unterschiedlich installiert werden: Geknickt, gefaltet, ausgerollt oder zerknittert werden sie an Wände, Decke oder auf dem Boden platziert. Sie spielen nicht zuletzt auf die Flexibilität und Ortlosigkeit der digital zirkulierenden Bilddateien – im Falle der „Mylars“ (2004-8) handelt es sich um Stills aus dschihadistischen Propagandavideos – an.

Die in der Ausstellung gezeigten Werke vermitteln ein Bild der emotionalen Landschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts. Wir sehen Fleisch und Haut, kommerzielle Logos, Abfall und Trash, Mode und Design, Verpackungen, Horrorbilder, leuchtende Screens, Humor und Brutalität, Computerspiele und Luxusobjekte. Einzelne Arbeiten besitzen inzwischen einen geradezu ikonischen Status. In seinen „Bomber Jackets“ etwa reflektiert Price den Mechanismus ständiger Reproduktion und Umwertung im digitalen Zeitalter. Während des 1. Weltkriegs für Piloten entwickelt, wurde die Bomberjacke bald zum Emblem konkurrierender Identitätsmuster. Als Modeartikel wurde sie zum Aushängeschild von Subkulturen wie der Punk- und Skinheadszene. Später wurde sie zum Signet von Hetero- und für Homosexualität, und erlebt in den letzten Jahren ein Revival sowohl als Massenware wie als Haute Couture. Festgefroren in ein Objekt, der linke Ärmel hängt schlaff herab, zeigt die  „Bomber Jacket“ die Hülle menschlicher Präsenz, die zunehmend von kommerziellen Interessen und gesellschaftlichen Vereinnahmungen bestimmt wird.

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Marius Bercea | Time Can Space

Laufzeit:  03.03.2018 – 14.04.2018

Blain|Southern | Potsdamer Straße 77–87 | 10785 Berlin

Time Can Space ist Marius Berceas (*1979, Cluj, Rumänien) erste Ausstellung bei Blain|Southern Berlin, in der er neue Arbeiten präsentiert, die eine veränderte Richtung seiner Motivwahl und Malerei zeigen.
Berceas Interieurs und Landschaftsbilder, die meist auf Aspekte der Architektur und Natur Kaliforniens Bezug nehmen, stellen mit ihrer Vermischung aus realen und imaginären verborgenen Orten eine eigene sinnliche Wirklichkeit dar. Seine Bilder beruhen inzwischen stärker auf freier Assoziation als auf didaktischer Absicht, und so bietet die Ausstellung auch eher eine offene sinnliche Erfahrung als eine Übung im Erzählen bestimmter Geschichten. Wie am Sujet, seiner Darstellung und am Maßstab der neuen Arbeiten deutlich wird – sie reichen von großen Panoramen bis zu fast quadratisch kleinen Detailbildern – hat sich Bercea von der narrativ orientierten Reisebeschreibung seiner früheren Transylfornia-Arbeiten entfernt. Los Angeles bezeichnet er mittlerweile fast genauso als seine Heimat wie Rumänien, und auch sein Blick ist inzwischen deutlich stärker in Kalifornien verwurzelt.

Pluralizing Rhythm, 2016, Oil, acrylic and spray on canvas, 188 x 155 cm / (74⅛ x 61⅛ in) © Maurius Bercea

In Berceas Szenen tauchen selten Menschen auf, wenn aber doch, stehen sie nun im Mittelpunkt. Er legt den Schwerpunkt auf die Befragung dieser Einzelgänger, auf ihre Intentionen und Motive: Wer wurde hier überrascht? In Mosaic of Certitudes sitzt ein einsamer Künstler vor seiner Staffelei auf einem Dachgarten und versucht mit einer notdürftigen Antenne Radiosignale aus anderen Ländern einzufangen. Er scheint wie zusammengeschrumpft inmitten der großen Topfpflanzen, die ihn umgeben, und der auf unerklärliche Weise in der Luft schwebenden Wassermelonen. Hier wie auch in vielen anderen Werken der Ausstellung, tauchen Figuren auf, die mit der häufig bildbeherrschenden Flora und Fauna um die Aufmerksamkeit konkurrieren.
In Werken wie Earth Gender und Pluralizing Rhythm durchdringt und sprengt wucherndes Blattwerk die gebaute Umgebung: Es wächst durch Gitterzäune, füllt ganze Swimmingpools oder dominiert einen Bildausschnitt, als würde es die Menschen, die sich dort befinden, herausfordern wollen. Berceas Pflanzen existieren sowohl in künstlicher als auch in ihrer natürlichen Umgebung; entweder sie dominieren den vom Menschen geschaffenen Raum, oder sie ordnen sich ihm unter und sprechen dadurch vielfältige Daseinsweisen an. Dieses gesellige Pflanzenleben belebt die Sinne – über einen angedeuteten Blumenstrauß oder fast spürbare Kaktusstacheln sogar den Geruchs- und den Tastsinn.

Marius Bercea, Installation View, 2018 © Trevor Good

Berceas Interesse an Design ist offenkundig, besonders der Einfluss einiger Wiener Architekten, wie Adolf Loos, Otto Wagner und Rudolf Schindler, denen er in seiner Heimatstadt und auf der ganzen Welt nachgespürt hat. Seine wachsende Sammlung ausgesuchter Designbücher, Architekturzeitschriften, Broschüren und Magazine bieten ihm weitere Bezugspunkte, um weit entfernt liegende Erinnerungen und Eindrücke zusammenzufassen. In einer neuen Serie von kleinen, auf Holz gemalten Details von einer Größe von ungefähr 15cm2 untersucht Bercea die Designmerkmale und architektonischen Motive, die er in diesen Publikationen findet. Dies lädt außerdem zu einer Reflektion über die kleinformatigen Arbeiten im Gegensatz zu den Panoramabildern ein, die Großansichten derselben Motive sind. Eine aus vier Panelen bestehende Interieur Szene erstreckt sich über die hintere Wand der Galerie.

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ASTRID KLEIN | TRANSCENDENTAL HOMELESS CENTRALNERVOUS

Laufzeit: 24.03.2018 – 02.09.2018

Deichtorhallen Hamburg – Sammlung Falckenberg | Wilstorfer Straße 71, Tor 2 | 21073 Hamburg-Harburg

Die Deichtorhallen zeigen vom 24. März bis 2. September 2018 einen umfassenden Überblick über das Werk der deutschen Künstlerin ASTRID KLEIN (geb. 1951 in Köln). Astrid Klein zählt zu den profiliertesten Künstlerinnen Ihrer Generation, wurde vielfach ausgezeichnet, nahm 1986 an der Biennale in Venedig teil und war Professorin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Klein arbeitet in vielfältigen Medien wie Zeichnung, Fotografie, Text, Malerei, Installation und Skulptur. Sie gilt als Pionierin der experimentellen, großformatigen Fotoarbeit.

Astrid Klein, And every woman acts like every man’s dream of the „perfect“ wife, 1980, Collage, beschriftetes Tape, Foto auf Karton, Courtesy Deichtorhallen Hamburg/Sammlung Falckenberg © Astrid Klein

Die Ausstellung transcendental homeless centralnervous versammelt rund 200 Arbeiten aus allen Werkphasen der Künstlerin, darunter auch Arbeiten aus dem Bestand der Sammlung Falckenberg. Auf drei Etagen des Sammlungsgebäudes werden Collagen der 70er und 80er Jahre über installative Arbeiten der 90er Jahre bis in die gegenwärtige Produktion gezeigt. Einen besonderen Hamburg-Bezug der Ausstellung leistet die Aufbereitung der Arbeit Endzeitgefühle, die 1982 im Rahmen der Woche der Bildenden Kunst entstand und ab 1986 für lange Zeit in einem U-Bahn-Tunnel der Linie U2 am Hauptbahnhof zu sehen war.

Astrid Klein, Untitled (Il venait de me …), 1979. Fotoarbeit, Courtesy Sprüth Magers © Astrid Klein

Astrid Kleins seit 1978 entstandenen Malereien, Collagen, Fotoarbeiten und Installationen hinterfragen, dekonstruieren und erneuern die Beziehung zwischen Bild und Text. Seit Anfang der Neunziger Jahre führt sie diese intensive Auseinandersetzung auch in ihren großformatigen Neonskulpturen und Lichtarbeiten fort. Die Form und das Schriftbild des Texts spielen in den Arbeiten eine mindestens so entscheidende Rolle wie dessen bildlicher Inhalt.Bereits während ihres Studiums an der Kölner Werkkunstschule entstehen Kleins erste Schriftbilder. Ende der 70er Jahre beginnt die Künstlerin adaptierte Fotos und Filmstills als Material für Collagen zu verwenden. Maßgeblich beeinflusst von der französischen Filmschule der Nouvelle Vague und dem Genre des Fotoromans, beschäftigt sich Klein in ihren Werken maßgeblich mit politischen Themen sowie der Darstellung der Frau in Medien und Film. Die Schrift wird von Klein dabei immer wieder als zentrales, formales Element verwendet: in ihren Collagen kombiniert und verfremdet sie eigene Texte mit denen von Philosophen, Wissenschaftlern und Schriftstellern.

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EX UND HOPP

CLOSING: 07.04.18
Laufzeit: 26.01.2018 – 07.04.2018

Institut français Berlin -“Maison de France” | Kurfürstendamm 211 | 10719 Berlin

Das Institut français Berlin präsentiert die Ausstellung „Jeanne Fredac – Ex-und-hopp-Gesellschaft“. Die vor allem als poetisch-sensible Fotografin von verlassenen Orten bekannte Künstlerin setzt sich in ihren neuen Werken mit den Denkweisen und Verhaltensmustern der Konsumgesellschaft auseinander. Ihre Fotografien, Videos, Gemälde, Skulpturen, Installationen und Ready-mades beleuchten unseren oft rücksichtslosen Umgang mit der Erde und ihren Ressourcen kritisch– dabei begegnet sie uns stets mit einem humorvollen Augenzwinkern.

Lessence-humaine-2-®Jeanne-Fredac

Ex und hopp!
Jeanne Fredac macht in ihren Arbeiten auf die dringliche Notwendigkeit, die natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen zu schützen, aufmerksam. Dabei erhebt sie nicht den Zeigefinger, sondern hält uns mit intelligentem Witz einen Spiegel vor: „Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, wenn man den Menschen ein schlechtes Gewissen einredet“, sagt die Künstlerin. „Man kommt mit Humor viel weiter.“ So präsentiert sie uns beispielsweise mit der Skulptur „L‘ essence humaine“ die Erde als einen Punchingball, der mit bereitliegenden Boxhandschuhen K. O. geschlagen werden kann. In dem aus 606 Fotografien bestehenden Video „Do you need something else?“ nimmt die sie die oft von Menschen getätigte Aussage, dass sie nichts besitzen würden, aufs Korn. In dem Clip ist die Fülle eines Einpersonenhaushalts zunächst ordentlich sortiert aufgebaut, bis die einzelnen Objekte mit Stop-Motion einen überraschend choreografierten Abgang machen und schließlich eine gähnende Leere – ein tatsächliches Nichts – hinterlassen.

Die Französin Jeanne Fredac wurde 1970 in Trier geboren und ist in Berlin als Fotografin, bildende Künstlerin und Schriftstellerin tätig. Sie ist Autodidaktin und folgt keinem vorgegebenen Weg, weil es für sie keinen gibt. Sie experimentiert, spielt und forscht mit Situationen, in die sie sich hineinbegibt. In ihrer Kunst untersucht sie in Bildern und Texten das Verhältnis des Menschen zu seinen geographischen, historischen und sozialen Räumen. In einer Welt, wo man ständig Antworten sucht, ohne sich zu fragen, ob die Fragen sinnvoll und die Voraussetzungen richtig sind, will sie festgefahrene Meinungen in Bewegung versetzen. Dies gilt auch für sie selbst. Sie weigert sich, ihre Arbeit auf die Fotografien der Verlassenen Orte, die man von ihr kennt, zu beschränken. Ihre Werke, ursprünglich fast ausschließlich aus Fotografien und Texten bestehend, erweitert sie und fügt ihrem künstlerischen Kosmos Malerei, Video, Installationen, Skulpturen und Ready-mades hinzu. Diese Arbeiten haben eher konzeptionellen Charakter
und stellen immer wieder unsere Gewohnheiten in Frage.

Diese Ausstellung steht im Zeichen der Gesellschaftskritik der 68er-Bewegung, der das Institut français von Januar bis Juni 2018 eine Film- und Diskussionsreihe widmet.

Textquelle | Bildquelle


Wir wünschen ein schönes ARTWEEKEND!

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