ARTWEEKEND TIPS – Woche 16/2018

Covered in Time and History: Die Filme von Ana Mendieta, Martin Gropius Bau, Berlin  //  MARINA ABRAMOVIC | The Cleaner, Bundeskunsthalle, Bonn  //  Alex Da Corte | THE SUPERMAN, Kölnischer Kunstverein  //  Mika Rottenberg, Kunsthaus Bregenz 

 

 


Covered in Time and History: Die Filme von Ana Mendieta

Opening: 19 Laufzeit:  ‐ 22

Gropius Bau | Niederkirchnerstraße 7 | 10963 Berlin

“Im Jahr 1973 entstand meine erste Arbeit an einer mit Unkraut und Gräsern überwachsenen aztekischen Grabstätte – dieser Bewuchs erinnerte mich an die Zeit. Ich kaufte weiße Blumen auf dem Markt, legte mich aufs Grab und ließ mich damit zudecken. Es war, als würden sich Zeit und Geschichte über mich breiten.”
— Ana Mendieta

Die Ausstellung Covered in Time and History: Die Filme von Ana Mendieta macht Ana Mendietas vielschichtiges Filmwerk erstmals in großem Umfang zugänglich. Der Gropius Bau zeigt vom 20. April bis 22. Juli 2018 eine Auswahl von 23 Filmen aus dem Werk der Künstlerin, welches kürzlich in einer mehrjährigen Forschungsarbeit aufgearbeitet und digitalisiert wurde.

Ana Mendieta, „Creek“, 1974, Super 8 Film, Farbe, ohne Ton, Foto: The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC., Courtesy Galerie Lelong & Co.

Ana Mendieta (1948–1985) gehört zu den herausragenden künstlerischen Positionen der 1970er und 1980er Jahre. Ihr Werk bewegt sich frei zwischen Disziplinen wie Body-Art, Land-Art und Performance-Kunst, ohne sich einem bestimmten Medium oder einer Bewegung zu verpflichten. Verbindendes Element ist der immer wiederkehrende Einsatz der abstrahierten weiblichen Gestalt im Dialog mit der sie umgebenden Natur – nicht zuletzt um die Trennung zwischen Natur und Körper infrage zu stellen. Ihr Werk überschreitet viele Grenzen, ein-schließlich geografischer und politischer Räume und der Erforschung von Geschichte, Geschlecht und Kultur.
Film und Fotografie spielen für Ana Mendieta eine besondere Rolle. Seit 1973 manifestiert sich ihre künstlerische Praxis in zweierlei Hinsicht: Einerseits existieren ihre Arbeiten als in der Natur geschaffene Werke, die sich allmählich verändern und verschwinden, andererseits überdauern sie als von ihr konzipierte bewegte und unbewegte Bilder. Ana Mendieta spricht bei ihren frühen Arbeiten von Tableaus, später von Skulpturen, betont aber stets die Bildherstellung als grundlegenden Prozess ihres Schaffens. Das Film- und Fotomaterial geht dabei über die bloße Dokumentation hinaus und gewinnt eine eigenständige künstlerische Bedeutung.

Ana Mendieta, „Sweating Blood“, 1973, Super 8 Film, Farbe, ohne Ton, Foto: The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC.,Courtesy Galerie Lelong & Co.

Auch wenn Ana Mendietas Arbeiten von ihrer eigenen Biografie und Entstehungszeit in den 1970er und 1980er Jahren geprägt sind, weisen sie eine eigentümliche Aktualität auf. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Migrationsströme stellt ihr Werk eine Auseinandersetzung mit der fortdauernden Suche nach Verwurzelung und dem Gefühl von Zugehörigkeit dar. Ihre Werke zeigen die existentiellen Dilemmata der Moderne: die Erfahrung persönlicher, kultureller und politischer Vertreibung, den Verlust von Verbindung und Kontinuität mit der individuellen und kollektiven Vergangenheit, den Druck, als Migrantin in einem fremden Land eine neue Sprache zu erlernen und mit einem anderen System gesellschaftlicher Normen konfrontiert zu sein.

Ana Mendieta gehört zu einer Zeit historischer multidisziplinärer Verschiebungen in der Kunstpraxis. In ihrer kurzen Schaffensphase erarbeitete sie ein außergewöhnliches Werk, das erst Jahre später gebührende Beachtung fand. Ana Mendietas fortdauernde Auseinandersetzung mit dem Element der Zeit und den Themenkomplexen Vergangenheit und Vergänglichkeit tritt am deutlichsten in ihren Super 8-Filmen zutage, die neue Verständnisweisen hinsichtlich Performance, Skulptur, Film und Fotografie anregen. Die bisher umfangreichste Präsentation ihrer Filme, begleitet von drei fotografischen Serien, ist das Ergebnis einer dreijährigen gemeinsamen Forschungsarbeit der Estate of Ana Mendieta Collection, der Galerie Lelong & Co. und der University of Minnesota, in deren Rahmen das gesamte filmische Werk der Künstlerin digitalisiert und in einer Filmografie erfasst wurde.

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MARINA ABRAMOVIC | The Cleaner

Opening: 19.04.2018
Laufzeit: 20.04.2018 – 12.08.2018

Bundeskunsthalle Bonn | Museumsmeile Bonn | Friedrich-Ebert-Allee 4 | 53113 Bonn

Marina Abramović, geboren 1946 in Belgrad, ist eine der meistdiskutierten Künstlerinnen, vor allem im Bereich ihrer Performances, mit denen sie immer wieder die eigenen physischen und psychischen Grenzen auslotet und überschreitet.
Rein Wolfs, der Intendant der Bundeskunsthalle, sagt: „Die Bedeutung von Marina Abramović ist so immens, dass eine große Retrospektive in Europa längst fällig war. Durch einen konsequenten Einsatz von Re-Performances ist The Cleaner mehr als eine einfache Ausstellung, ein immersives Gesamterlebnis größter kunsthistorischer Tragweite.“

Marina Abramović, The Cleaner, s/w Fotografie © Marina Abramović Foto: © Marco Anelli 2010, Courtesy of the Marina Abramović Archives VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Die Retrospektive zeigt Werke aus fünfzig Jahren und spiegelt umfänglich die Facetten ihres Werkes – von den Anfängen, allein, aus ihrer zwölfjährigen Partnerschaft und künstlerischen Zusammenarbeit mit dem deutschen Künstler Ulay (Frank Uwe Laysiepen, *1943) bis in die Gegenwart. Filme, Fotografien, Malerei, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen sowie ausgesuchtes Archivmaterial zeigen die thematische und mediale Bandbreite der Künstlerin. Das größte authentische Erlebnis stellen die Re-Performances dar, die einen direkten, emotionalen und ungefilterten Zugang zum künstlerischen Anliegen von Abramović bieten.
Die frühe Arbeit der Künstlerin mit immateriellen Kunstformen – Klang und Performance – fügt sich in die generelle Entwicklung der experimentellen Kunstszene der 1960er- und 1970er-Jahre. Ihr Werk ist bis heute geprägt von den vielen verschiedenen Kulturen, spirituellen Traditionen und politischen Krisen, in denen sie sich bewegte – angefangen bei ihrer Kindheit im ehemaligen kommunistischen Jugoslawien, wo sie im Spannungsfeld zwischen dem glühenden politischen Engagement ihrer Eltern und der nicht weniger glühenden Religiosität ihrer Großmutter aufwuchs.

Marina Abramović, The Hero, 2001 © Marina Abramović/Bildupphovsrätt 2017 Photo: © TheMahler.com Courtesy of the Marina Abramović Archives

Persönliche Erfahrungen und auch Verantwortung sind ein zentraler Punkt ihrer Arbeit, die sich im Kern mit Erinnerung, Schmerz, Verlust, Ausdauer und Vertrauen auseinandersetzt. Die Ebene der Zeit(-erfahrung) und der Umgang mit dem eigenen Körper sind weitere Faktoren, die ihr Werk eindrücklich werden lassen. Seit mehr als fünfzig Jahren reagiert Abramović auf die sie umgebende Welt und bedient sich dabei ihres Körpers und ihrer Energie als künstlerisches Ausdrucksmittel. Mit ihren physisch und mental stark fordernden Performances – von gewaltsamen und riskanten Aktionen bis hin zu eher stillen Begegnungen mit dem Publikum – hat sie sich in die Kunstgeschichte eingeschrieben.
Die Abramović-Methode der Konzentration und Mobilisierung der eigenen Kräfte und Energien, um eine größtmögliche Toleranz und Offenheit im Dialog zu erreichen, wird in Workshops weltweit praktiziert. Die Künstlerin spricht grundlegende existenzielle Fragen an, provoziert und berührt den Betrachter somit in direkter Weise. Gemäß ihrer Überzeugung „A powerful performance will transform everyone in the room“ stellt sie Hierarchien in Frage und fokussiert ihr Werk auf individuelle und kollektive Erfahrungen.
Ein immer wiederkehrendes Thema in ihren Arbeiten ist das Läutern und Säubern – physisch und symbolisch – mithilfe von Feuer, Schreien, Wasser und Seife, Mineralien, Zeit und Stille. Katharsis und Verwandlung sind Schlüsselkonzepte ihres Werkes. In der Darstellung von Zuständen, Gefühlen, Beziehungen, Spannungen, Machtverhältnissen und Energien sind die Werke der Künstlerin offen für existenzielle sowie (gender-)politische Interpretationen.

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Alex Da Corte | THE SUPERMAN

Opening: 19.04.2018
Laufzeit: 20.04.2018 – 17.06.2018

Kölnischer Kunstverein | Hahnenstraße 6 | 50667 Köln

Im Zentrum der Präsentation von Alex Da Corte stehen vier filmische Arbeiten, die in der großen Halle des Kölnischen Kunstvereins zu einer eindringlichen Installation verquickt sind. Dabei handelt es sich bei den Filmen um das 2013 entstandene Werk TRUƎ LIFƎ sowie um die 2017 realisierte, dreiteilige Arbeit BAD LAND.
Trotz der unterschiedlichen Entstehungsjahre haben beide Formulierungen denselben Ausgangspunkt, der eng mit einer persönlichen Erfahrung des Künstlers verbunden ist. So wurde ihm vor einigen Jahren von einem Freund ein Foto zugesandt, das ihn angeblich vor Leonardo da Vincis Mona Lisa im Pariser Musee du Louvre zeigen sollte, obwohl die Aufnahme in Wirklichkeit den US-amerikanischen Rapper Eminem festhielt. Diese, durch eine gewisse Ähnlichkeit begründete Verwechslung bewog Alex Da Corte dazu, sich mit dem weltbekannten Musiker und mit dessen Alter Ego Slim Shady auseinanderzusetzen, der in der Vergangenheit immer wieder dafür in der Kritik stand, Gewalt zu verherrlichen und schwulen- sowie frauenfeindlich zu sein. Ihn interessierte die Frage, was Eminem als Person ausmacht, welche Psychologie sich mit ihr verbindet und wie sie sich wohl in einem privaten Umfeld gebärden würde.

Alex Da Corte. THE SUPƎRMAN, Kölnischer Kunstverein 2018, Photo by Simon Vogel

Seine Beschäftigung mündete schließlich in der Arbeit TRUƎ LIFƎ, für die er in die Rolle des Rappers schlüpfte, indem er sich die Haare blond färbte, entsprechende Kleidungsstücke anzog und dessen Habitus annahm. Bezugnehmend auf die Dokumentation 66 Scenes From America des dänischen Filmemachers Jørgen Leth, in welcher der Pop-Art-Künstler Andy Warhol einen Hamburger isst, zeigt TRUƎ LIFƎ den von Alex Da Corte gespielten Eminem beim Verzehr  von Frühstückscerealien der in Nordamerika weitverbreiteten Marke life. Die Einfachheit, die die dargebotene Szene trotz aller kompositorischer Rafinesse aufweist und die die simplen Handlungen von Künstlern wie Bas Jan Ader, Gilbert & George oder Bruse Nauman ins Gedächtnis ruft, steht im Gegensatz zu dem Glanz und Ruhm sowie dem Drang und der Drastik, die der Rapper verkörpert. Eminem wird von Alex Da Corte mehr als Mensch, denn als unerreichbare und unbesiegbare Berühmtheit dargestellt, wobei durch die beiläufige, aber dennoch spürbare Platzierung einer Pakung Cinnamon Life mit dem Werbebild eines afroamerikanischem Jungen als lockender Blickfang erweiternd auch soziopolitische Aspekte spürbar werden.

Alex Da Corte, BADLAND, HD Digital Video, 2017, Courtesy of Josh Lilley Gallery

Die Auseinandersetzung mit psychologischen Parametern, wie sie sich sowohl in den Bad Land-Filmen als auch in TRUƎ LIFƎ offenbart, repräsentiert eine nicht unwesentliche Triebkraft für das von Alex Da Corte, in dem sich die herkömmlichen Grenzen zwischen den verschiedenen Gattungen aufzulösen scheinen. Sie lässt sich nicht zuletzt auch an der Ausstellung THE SUPƎRMAN nachvollziehen, in deren Rahmen die Filme in eine komplexe Architektur eingebettet sind, die mit einer bemerkenswerten Intensität mit der Wahrnehmung und den Emotionen des Rezipienten spielt. So wird man nicht nur von der skulpturalen Präsenz der Filme, sondern ebenfalls von der malerischen Wirkung der Einbauten überwältigt, die irgendwo zwischen Pop Art und Surrealismus zu einem berauschenden Gesamtkunstwerk verschmelzen, das Erinnerung an Albträume genauso wachruft wie Disneyland.

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Mika Rottenberg

Opening: 14.04.2018
Laufzeit: 21.04.2018 – 01.07.2018

Kunsthaus Bregenz | Karl-Tizian-Platz | 6900 Bregenz

»Ich sehe gern, wie Energien Dinge transformieren. Ein Reiz in einer Muschel verwandelt sich in eine Perle, Milch wird zu Käse.« – Mika Rottenberg

Die in Argentinien geborene und in Israel aufgewachsene Künstlerin Mika Rottenberg beschäftigt sich mit den Kreisläufen der Produktion und der Zirkulation von Waren. Bereits 2007 wurde sie vom New York Magazine in die Liste der »young masters« aufgenommen. Seitdem war sie bei allen wichtigen Ausstellungen weltweit vertreten. Spätestens seit ihrem viel beachteten Beitrag Cosmic Generator für die Skulptur Projekte 2017 in Münster ist Rottenberg auch einem breiteren Kunstpublikum bekannt.
Ihre Kunst ist weder distanzierte Kritik noch präzise politische Dokumentation. Eher betreibt sie eine Gegenwartsanalyse in verzerrender, karikativer Übertreibung. Rottenberg entführt in beklemmende Räume. Den Kern ihrer aus verschiedenen Materialien oder Fundstücken gebauten Installationen bildet jeweils ein Video, das bestimmte Produktionsabläufe zeigt, wie zum Beispiel das Auslesen von Perlen aus Muschelschalen.

Foto: Markus Tretter, Courtesy of Mika Rottenberg, © Mika Rottenberg, Kunsthaus Bregenz

Mika Rottenbergs Kunst erzählt von skurrilen Begebenheiten mit ernstem Hintergrund. Sie macht auf die Grundlagen von Arbeit aufmerksam. Zugleich zwingt sie den Betrachter in die Situation eines Voyeurs, der sich in enge Korridore begibt, um inszenierten Arbeitsabläufen zu-zusehen. Ihre surrealen Szenografien zeigen die absurde Anhäufung von Waren und die Sinnlosigkeit eines globalen Vertriebs. Viele ihrer Installationen sind durchaus komisch und voller erotischer Ingredienzen.
Meistens sind es Frauen, die Waren in eintöniger Fließbandarbeit verarbeiten. Die Darsteller/innen, die kaum gewöhnlichen Schönheitsidealen entsprechen, werden zu surrealen Figuren mit übernatürlichen Kräften. Auch physisch sind sie auffällig. Sie sind muskulös oder fettleibig, hochgewachsen oder langnasig, sie schwitzen oder niesen. Zugleich Werkzeug und Rohstoff, reichern ihre Körper die Dinge der Herstellung an, veredeln oder verändern sie.

Rottenberg  stellt die kapitalistische Welt und ihre industrielle Produktion humorvoll und zugleich in bissiger Übertreibung dar. In dem Video NoNoseKnows — im Kunsthaus Bregenz im ersten Obergeschoss zu sehen — sind zwei Fertigungsebenen miteinander verschnitten. Chinesische Frauen in Anoraks sitzen an einem langen Tisch, um Sandkörner in Muscheln zu setzen. Mit wenigen Hand-griffen öffnen sie anschließend die Muscheln, um die kostbaren Perlen herauszulösen.

Foto: Markus Tretter, Courtesy of Mika Rottenberg, © Mika Rottenberg, Kunsthaus Bregenz

In einer zweiten vertikalen Darstellungsebene sitzt eine Frau mit struppig blondiertem Haar und einer langen Nase, ein handbetriebener Seilzug verbindet sie mit der Ebene der arbeitenden Frauen. Spätestens hier kippt das Bild ins Absurde: Die Frau muss zum Niesen gebracht werden, vielleicht damit Fertiggerichte für die Kantine der Arbeiter-innen hergestellt werden können. Sand erzeugt Perlen, Niesen Nudeln. Reale und surreale Arbeit sind aneinandergekoppelt, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres.

Für ihre Videos entwirft Rottenberg Räume, durch die sich die Besucher/innen scheinbar zwängen müssen, sie finden sich in Werkstätten, Wettstudios, düsteren Kammern oder Tunnels mit Drehtüren versetzt. So auch im KUB, wo ver-dunkelte Schleusen durchwandert werden müssen. Der Weg durch die Korridore ist wie ein Gang durch das organische Innere oder fast so, als durchliefe der eigene Körper den Prozess bis zur Verpackung und anschließender Verwertung. Wir alle sind Ware. Der Kapitalismus kennt keine Grenzen.

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Wir wünschen ein schönes ARTWEEKEND!

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