ARTWEEKEND TIPS – Woche 18/2018

Inka & Niclas, Dorothée Nilsson Gallery  //  Gegenwärtige Vergangenheit, Fotofabrik Bln-Bxl  //  Underground und Improvisation. Alternative Musik und Kunst nach 1968, Akademie der Künste  //  The Female Gaze – On Body, Love And Sex II, Haus am Lützowplatz  //  El Otro , El Mismo / The Other, the Same, KOW

 

 


Inka & Niclas

Laufzeit:  ‐ 23

DOROTHÉE NILSSON GALLERY |Potsdamer Straße 65 | 10785 Berlin

Die Einzelausstellung 4K ULTRA HD des schwedischen Künstlerduos Inka und Niclas beschäftigt sich mit unserem Konsum von Landschaften durch (Kamera-)Linsen und Bildschirme. Unser Bild der Landschaft wird durch die Fotografie geformt und die Natur konstruiert sich durch den Strom der Bilder auf unseren Bildschirmen. Die Fotoarbeiten und Installationen der Ausstellung behandeln die gleichnamige Bildsuche „4K ULTRA HD „. 4K HD oder 4K ULTRA sind Begriffe der Display-Industrie, die verdeutlichen sollen, dass die Bildschirme eine deutlich höhere Detailgenauigkeit und Schärfe aufweisen.

Suchalgorithmen listen die beliebtesten Bilder in absteigender Reihenfolge auf und definieren mit welchen Bildern wir uns gerne umgeben, welche Bilder wir herunterladen und als Desktop-Hintergrund auf unseren Computern speichern. Es sind Bilder, die irgendwie eine Art Geborgenheit oder Sicherheit ausstrahlen oder durch ihre Schönheit überzeugen. Auf der Suche im Netz nach „Sonnenuntergängen“ enthalten die meisten Bilder neben einer Sonne auch das Meer, eine Palme oder einen Delphin. Wir wissen genau, wie ein Nordlicht aussieht, ohne es erlebt zu haben.

Die Sonne hat ihre Position am Himmel fixiert, an einen Stock gebunden, sie bleibt in ihrer beliebtesten Position. Der Sonnenuntergang erstreckt sich über das Palmblatt, ein funkelnder Nebel aus dem NASA-Archiv schwebt leise am Rande des Strandes. BLOBS (unförmige Wassertropfen) im Weltraum oder Steine, die im Laufe der Zeit rund geschliffen wurden, schwimmen in den Fotografien und tarnen sich vor dem Betrachter. Die Familie, die nicht auf dem Foto ist, ist wieder gegangen, hat ihr Profil aktualisiert und wieder gepostet. Eine Realität, die nur durch ein Foto erfahrbar ist, alles geschieht im Schnappschuss.

Inka (*1985, Finnland) und Niclas (*1984, Schweden) Lindergård sind ein ausgezeichnetes Künstlerduo aus Stockholm. Seit 2007 erkunden Inka und Niclas wie der ständige Strom von Landschaftsbildern, der Akt des Fotografierens und die Schnittstellen zwischen der fotografischen und der physischen Realität uns beeinflussen. Im Jahr 2012 veröffentlichten sie ihr erstes Buch Watching Humans Watching (Kehrer Verlag), das später mit dem schwedischen Fotobuchpreis ausgezeichnet wurde. Ihr neuestes Buch The Belt of Venus and the Shadow of the Earth (Kerber Verlag) gewann 2016 den Swedish Book Art Award. Die Arbeiten von Inka und Niclas befinden sich in zahlreichen Privatsammlungen weltweit sowie in den ständigen Sammlungen des Göteborger Kunstmuseums (Schweden), des Fries Museums (Niederlande) und der Public Art Agency (Schweden).

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Gegenwärtige Vergangenheit

Closing: 06.05.2018
Laufzeit: 05.04.2018 – 06.05.2018

Fotofabrik Bln-Bxl | Weisestraße 30| 12049 Berlin

Als Teil der Reparationsleistungen nach dem Zweiten Weltkrieg wurden deutsche Spezialisten der Flugzeugentwicklung in die Sowjetunion zwangsumgesiedelt, um für die russische Flugzeugindustrie zu arbeiten. So kamen Ulrike Schmitz’ Großeltern 1946 ins nördlich von Moskau gelegene Podberesje, wo sie mit ihren vier Kindern bis 1954 lebten. Ihre Serie „Museum Deiner Erinnerung“, die Bilder aus dem heutigen Dorf mit Filmstills russischer Filme der Stalinära vereint, trifft nun auf Matthieu Marres Arbeiten, die während seiner zweimonatigen Künstlerresidenz in der Fotofabrik entstanden. Der in Belgien lebende Fotograf setzte sich mit der Erinnerung an den vor über 70 Jahren beendeten Krieg auseinander – im Gespräch ebenso wie durch die Sammlung alter Aufnahmen der Zeit. Mit dem Übereinanderstapeln und Aneinanderreihen seiner Erkundungen lässt er aufs Neue den Wunsch nach Frieden auf die Angst vor Zerstörung und Verlust zusammenstoßen.

Der in Wallonie-Bruxelles lebende Fotografer Matthieu Marre lebte und arbeitete – Dank der Unterstützung von Wallonie-Bruxelles International – für zwei Monate (April-Mai 2017) als Artist in Residence in der Fotofabrik Bln-Bxl. Die in dieser Zeit entstanden Arbeiten sind in der aktuellen Ausstellung zu sehen.

© Ulrike Schmitz

Ulrike Schmitz

Ulrike Schmitz studierte Fotografie an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin. Aktuell nimmt sie am postgraduierten Masterprogramm der Universität der Künste Berlin teil. Sie wurde für das fünfjährige Ausstellungsprogramm reGeneration3 des Musée de l’Elysée und für PLAT(T)FORM des Fotomuseums Winterthur ausgewählt. Ihre Arbeiten wurden in Deutschland und international ausgestellt, u.a. im Benaki Museum, Athen, im Centro Nacional de las Artes, Mexiko-City, in den Lishui Art Museum galleries, China, auf dem Festival Circulation(s), Paris sowie im Rahmen der Voies Off Preis- Nominierung in Arles, Frankreich.

© Matthieu Marre

Matthieu Marre

Während einer Reise begann Matthieu Marre zu fotografieren. Später studierte er Anthropologie an der Hochschule für Sozialwissenschaften EHESS in Paris und forschte in diesem Rahmen über Palliativpflege. In seiner Arbeit versucht er, die Emotion seines Blickes zu fangen, um eine Art Skelett zu erreichen – oder zumindest etwas, das ihm nicht bewusst ist. Eine Recherche ohne Ende. Ihn interessieren die Unfälle, die beim Fotografieren, beim Entwickeln oder Drucken geschehen können. Er hofft auf eine Offenbarung. Die Fotografie ist für ihn ein Schlüssel und ein Anker – inwiefern kannt er nicht sagen. Es gibt dieses Zitat von Fernando Pessoa: „Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern was wir sind“. 2015 erschien sein Buch „L’oublié“ (Der Vergessene) bei Éditions Yellow Now, Lüttich. 2016 wurde er Mitglied des Studio Hans Lucas.

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Underground und Improvisation. Alternative Musik und Kunst nach 1968

Closing: 06.05.2018
Laufzeit: 15.03.2018 – 06.05.2018

Akademie der Künste, Berlin| Hanseatenweg 10 | 10557 Berlin

Vom 15. März bis 6. Mai 2018 beschäftigen sich zwei Ausstellungen am Hanseatenweg mit alternativen Musik- und Kunstbewegungen in Ost und West, vom Jahr der Studentenrevolte und des Prager Frühlings bis zur Nachwendezeit in Berlin und Osteuropa. Das umfangreiche Begleitprogramm umfasst insgesamt 35 Veranstaltungen wie Konzerte, Filmaufführungen und Diskussionen.

Die Ausstellung „Free Music Production / FMP: The Living Music“ widmet sich der Geschichte des Musiklabels Free Music Production (FMP), das von 1968 bis 2010 als Berliner Plattform für die Produktion, Präsentation und Dokumentation von Musik aktiv war. Seit den späten 1950er-Jahren hatte es immer wieder Versuche von Musikern gegeben, ihre Produktions- und Arbeitsbedingungen selbstbestimmt zu gestalten. Weil der Saxofonist Peter Brötzmann den Veranstaltern der Berliner Jazztage (heute Jazzfest Berlin) nicht garantieren konnte, dass seine Gruppe in schwarzen Anzügen auftreten würde, und deshalb wieder ausgeladen wurde, organisierte er 1968 zusammen mit dem Bassisten Jost Gebers das erste Total Music Meeting (TMM). Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich FMP zu einem internationalen Brennpunkt für aktuelle, zu Beginn teils heftig umstrittene improvisierte Musik. Bereits 1969 begann auch die Dokumentation der Musik auf Schallplatten. Als erstes westliches Label nahm FMP auch Musiker aus der DDR sowohl in Ost- als auch in Westberlin auf. Die gesamte Tonträgerproduktion von annähernd 500 Einspielungen auf FMP und seinen Sublabeln hat mittlerweile Kultstatus.

(E-E) Evgenij Kozlov, KINO, 1985, © (E-E) Evgenij Kozlov / Sammlung Muzeum Sztuki, Łódź

Die Ausstellung stellt beispielhaft für die vielen Hundert Konzerte und Veranstaltungen, die wichtigsten von FMP entwickelten und bis heute oft kopierten Konzertformate vor – zum Beispiel den Workshop Freie Musik oder das Total Music Meeting. Sie dokumentiert mithilfe von Fotografien, Postern, Flyern, Originaldokumenten, Interviews sowie vielen noch nie zuvor gesehenen dokumentarischen Videos und bisher unveröffentlichten Aufnahmen aus dem FMP-Archiv von Jost Gebers eine einzigartige Musik- und Kulturgeschichte zwischen West und Ost, die damit an ihren ursprünglichen Veranstaltungsort in der Akademie zurückkehrt.

Eine Ausstellung in Kooperation von Haus der Kunst, München und Akademie der Künste, Berlin. Kuratiert von Markus Müller. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und Goethe-Institut.

Erstmals zeigt die Ausstellung „Notes from the Underground – Art and Alternative Music in Eastern Europe 1968 – 1994“ die engen Beziehungen zwischen alternativen Szenen der Musik und der Bildenden Kunst in Osteuropa in jener Zeit. In Abgrenzung zu staatlicher Regulierung wurden Rockmusik, Punk oder New Wave, Performance, Fashion, Musikvideos und Super-8-Filme in ihren oft improvisierten Distributionsformen zu künstlerischen Ausdrucksformen einer Gegenkultur. Zensur und Mangel führten zu einfallsreichen und oftmals ironischen Arten des Arbeitens, so agierten Künstler mit zum Teil selbst gebauten Instrumenten, nahmen eigene Songs auf Kassetten auf oder vertrieben kleine Auflagen von Samizdat-Zeitschriften. Dabei verliefen die Grenzen zwischen dem Offiziellen und Alternativen oft unscharf. In den liberaleren Staaten Osteuropas wie Polen und Jugoslawien gab es Plattformen für Künstler und Musiker der Neo- Avantgarde. In der Sowjetunion und der Tschechoslowakei bildeten Künstler und Musiker Gemeinschaften in Kommunen oder besetzten Häuser. Mitglieder von Gruppen wie „The Plastic People of the Universe” (Prag) führte der Konflikt mit den Behörden ins Gefängnis. Hinzu kamen ab dem Beginn der 1980er Jahre Piratenprogramme, als westliche Videokameras nach Osteuropa importiert wurden. Die Ausstellung ist thematisch strukturiert, zahlreiche Arbeiten und dokumentarische Aufzeichnungen von Aufführungen werden erstmals gezeigt. Dazu gehören u.a. Archivbestände der Akademie der Künste, frühe visuelle Notationen von Katalin Ladik oder ein Klangobjekt von Karel Kurismaa aus Tallinn.

Eine Ausstellung in Kooperation mit dem Muzeum Sztuki, Łódź. Kuratiert von David Crowley und Daniel Muzyczuk in Zusammenarbeit mit Angela Lammert.

Poster Total Music Meeting 1968, Design: Jost Gebers, © FMP-Publishing

Das internationale Musikprogramm zu beiden Ausstellungen findet in Anlehnung an die damaligen FMP-Workshops und –Konzerte vielfach in der Ausstellungshalle, aber auch in weiteren Räumen des Akademie-Gebäudes am Hanseatenweg sowie an weiteren Orten in Berlin statt. Es bietet u.a. eine Bühne für Konzerte mit Künstlerinnen und Künstlern der beiden Szenen des „Underground“ und von „FMP“ wie der litauischen Schlagzeug-Legende Vladimir Tarasov (Eröffnung, 22 Uhr) und dem FMP-Mitgründer und Saxophonisten Peter Brötzmann. Aus der osteuropäischen Performance-Szene werden u.a. Katalin Ladik (Ungarn) und das Duo „Ornament und Verbrechen“ dabei sein. Darüber hinaus beziehen jüngere Musikerinnen und Musiker der internationalen Improvisationsszene Stellung zu den Aktivitäten und Ästhetiken der 1960 bis 1990er- Jahre, wie das Trondheim Jazz Orchestra, die multinationale Gruppe HEARTH oder die Barcelona Series aus Berlin. Außerdem treten Musikerinnen und Musiker der jungen Moskauer Impro-Szene zusammen mit Mitgliedern des Berliner Splitter-Orchesters oder das interdisziplinäre Duo Blook Project aus Kiew auf.

Die Musikveranstaltungen wurden federführend kuratiert vom Komponisten Sergej Newski (Schwerpunkt „Notes from the Underground“, Berlin/Moskau) und dem Jazz-Pianisten und Kurator Louis Rastig (Schwerpunkt „FMP“, Berlin).

Zorka Ságlová, Bällewerfen (Házení míčů) in den Bořín Teich, Happening in Průhonice, April 1969, © Jan Ságl / Sammlung Muzeum Sztuki, Łódź, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Das diskursive Programm beschäftigt sich mit zentralen Themen, die sich aus dem Verhältnis zwischen Musik (Akustischem), bildender Kunst und Film (Visuellem) und alternativen künstlerischen Strategien wie der Popkultur in Ost- und Westeuropa ergeben. Schwerpunkte sind neben dem Eröffnungswochenende (mit Kuratoren-Gesprächen und einem Hörspiel von Heiner Müller und den Einstürzenden Neubauten) ein international besetztes Symposium mit Vorträgen, Diskussionen, Screenings und abendlichen Konzerten (20.-21.4.2018), „Dienstagsgespräche“ mit Gästen wie Conny Bauer, Jost Gebers oder Nele Hertling in der Ausstellung, Veranstaltungen zum Film mit Birgit Hein, Claus Löser, Jósef Robakowski u.a. im Gespräch mit Jürgen Böttcher-Strawalde, Gabriele Kachold-Stötzer oder Jana Milev zu Fragestellungen wie: Was war und ist Underground, ist Improvisation politisch und wie wird Geschichte geschrieben? Kuratiert von Angela Lammert, Simone Heilgendorff und Cornelia Klauß. Das diskursive Programm zur Ausstellung wird präsentiert in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung.


THE FEMALE GAZE – ON BODY, LOVE, AND SEX II

Opening: 04.05.2018
Laufzeit: 05.05.2018 – 17.06.2018

Haus am Lützowplatz | Am Lützowplatz 9 | 10785 Berlin

Nachdem die Ausstellung The Female Gaze – On Body, Love, and Sex I im Kunsthaus Erfurt (7. April – 1. Juni 2018) auf überaus positive Resonanz sowohl bei Besuchern als auch in den Medien stößt, wird am 4. Mai der kleinere Spin-Off in der Studiogalerie des Haus am Lützowplatz in Berlin eröffnet.

Elisa Duca, Peachness, 2018, performative Installation, Detail, Foto: Elisa Duca

Acht Künstlerinnen formulieren einen eigenständigen Blick auf die Frau, auf Körper und auf Sexualität. Sie entwickeln Bilder und Visionen einer aktuellen Weiblichkeit, die sie selbstbewusst zelebrieren – vielfach sinnlich und lustvoll, kritisch und dennoch versöhnlich, immer ernsthaft und zuweilen mit einer Prise Humor. Sie befragen Geschlechterzuschreibungen, Machtverhältnisse und verbreitete Stereo­type, befreien sich von dem männlichen Blick auf die Frau und überführen diese Auseinandersetzung in häufig sehr persönliche Arbeiten. Die Künstlerinnen arbeiten mit vielfältigen Medien und die Besu­cher_innen werden eingeladen, in ihre sinnlichen Welten einzutauchen, in denen sich Heteronormativität, Hierarchien und Klassifikationen zugunsten einer einfühlsamen Betrachtung, fluiden Formen und einer mehrdeutigen Bildsprache auflösen.

Während in Erfurt Lust, Erotik und Sexualität zentrale Themen sind, fokussiert sich der Berliner Teil der Ausstellung auf Rollenbilder und den weiblichen Körper mit den daran geknüpften gesellschaftlichen Erwartungen. Antje Prust und Anaïs Senli haben jeweils neue begehbare Videoarbeiten geschaffen. In Anaïs Senlis Videoportrait werden dramatische Folgen gesellschaftlich etablierter, weiblicher Schönheitsideale verhandelt; in der immersiven Arbeit Mein Fell Mein Pferd Mein Hase – The Bunny Triptychon von Antje Prust geht es um die Befragung von Geschlechterkonstruktionen und Rollenbildern am Beispiel des Mädchenseins. Die performative Installation Peachness von Elisa Duca hat den ‚Longevity Peach Bun’, ein chinesisches, ewige Jugendlichkeit versprechendes Hefegebäck zum Ausgangspunkt und drückt sich in einer sinnlichen, raumbezogenen Arbeit aus, die zur Eröffnung und später unangekündigt transformiert wird. Die skulpturalen Körperabformungen von Juliana Cerqueira Leite & Zoë Claire Miller offenbaren fragmentarische und doch intime Einblicke. Das fotografische Triptychon Me, Myself & I von Sabrina Jung hinterfragt eindimensionale Perspektiven auf die Frau und in der Malerei von Eglė Otto wird die starre Vorstellung von Heteronormativität durch veränderliche Blickwinkel und Konzepte in Bewegung versetzt. Die Installation Cooling system 1 (c) (for global warming) von Laure Prouvost schließlich verhandelt gesellschaftliche Machtverhältnisse, Mutterschaft und Frausein humorvoll auf einer Metaebene.

Die beiden Teile der Ausstellung The Female Gaze – On Body, Love, and Sex ergänzen einander und laufen einen Monat parallel.

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EL OTRO, EL MISMO / THE OTHER, THE SAME

Laufzeit: 28.04.2018 – 21.07.2018

KOW | Brunnenstr. 9 | 10119 Berlin

Die sozialen Utopien des 19. und 20. Jahrhunderts sind nicht geglückt, auch nicht gescheitert. Sie sind verformt. Das lässt noch die Aussicht, dass sie wieder in Form kommen. Seit 1992 haben Los Carpinteros, alias Dagoberto Rodríguez Sánchez und Marco Antonio Castillo Valdes, die Veränderungen der kubanischen Gesellschaft künstlerisch aufgezeichnet: die Enttäuschung und Frustration, dass aus dem Aufbruch in eine solidarischere Zeit nichts wurde. Doch ihr Werk bewahrt den Impuls dieses Aufbruchs und denkt seine Formen immer wieder anders.

Los Carpinteros sind Chronisten einer sozialistischen Deformation und zugleich zeigen sie, dass die Geschichte noch offen ist. Ihre erste Galerie-Einzelausstellung in Deutschland entstand in den letzten Monaten in Havanna und Madrid. Sie vereint drei aktuelle Filmproduktionen, eine Großskulptur und neue Aquarelle. Beginnen wir mit den Filmen im Untergeschoss der Galerie:

Es ist ein Schlachthaus. Ziegenhälse werden geschlitzt, der Boden geflutet von Blut, in Mülltonnen dampfen Gedärme. Kadaver werden verfrachtet, dann wird saubergemacht. Vor versammelter Belegschaft beginnt ein Mann seine Rede, an deren Ende er sich und das Vertrauen seiner Zuhörer zerstört haben wird. Retráctil (2018) ist die Nacherzählung eines Wendepunkts in der kubanischen Geschichte vor veränderter Kulisse. 1971 wurde der einflussreiche Dichter und kritische Intellektuelle Heberto Padilla vom Geheimdienst gezwungen, ein falsches Geständnis abzulegen, in dem er sich selbst zu denunzieren hatte. Seine Demütigung und anschließende Verhaftung brachte viele Intellektuelle dazu, der Revolution nicht länger zu trauen und dem Castro-Regime ihre Solidarität zu entziehen. Los Carpinteros stellen die erzwungene Selbstbezichtigung Padillas, deren Aufzeichnung nie öffentlich wurden, in brillanter Schwarz-Weiß-Ästhetik als Säuberung unerwünschter Elemente nach und rekapitulieren diesen Schock in der kubanischen Sozialentwicklung.

Comodato (2018) ist die Beobachtungsreise in eine kubanische Privatwelt. Eine kontinuierliche Kamerabewegung durchläuft nacheinander die 12 Wohnräume eines Hauses. Zunächst prachtvolle und wohlhabende, bald bescheidenere und schließlich ärmliche Interieurs. Unterwegs wird die Betrachterin der fließenden Übergänge vom oberen zum unteren Rand kubanischer Lebensverhältnisse kaum gewahr, bis die Distanz immer unmissverständlicher wird. Der Film widerlegt den Mythos von der klassenlosen Gesellschaft Kubas – zugleich erzählt er nicht die Geschichte der Spaltung in Arm und Reich. Zu gleichwertig sind die Innenräume in ihrer je eigenen Würde und Schönheit, zu ähnlich die Gepflogenheiten des Arrangements eines eigenen Heims und zu groß die Kontinuität eines sozialen Raums mit seinen auf- und absteigenden Ressourcen.

Photo: Ladislav Zajac Courtesy of Los Carpinteros and KOW, Berlin

Ein ähnliches, physisch unmögliches Filmkontinuum ist Pellejo (2013). Ein schlichtes Interieur birgt kaum mehr als ein Bett, in dem das Leben spielt, als Sex. Während des intimen Akts altern die Liebenden um Jahre, Jahrzehnte. Die Zeit läuft ab, sie ist schon abgelaufen im Begehren, in der Berührung, im Paar, das seine Zukunft im nächsten Moment hinter sich hat.

Im Erdgeschoss bilden Tonziegelsteine aus marokkanischer Fertigung eine ebenso plausible und kunstvolle wie funktionslose Architektur. Celosía Copta (2018) weist auf einen Kerngedanken des Werks von Los Carpinteros. Nicht ohne Grund nennen sich das Künstlerduo und sein Kreis von Partnern und Mitarbeitern „Die Schreiner“. Sie grenzen sich mit dem handwerklichen Begriff vom Schaffenspathos anderer Künstlerrollenbilder ab und stellen sich in eine – nicht nur realsozialistische – Erfahrungstradition, in der, was sich nicht kaufen lässt, der eigenen Arbeit überlassen bleibt. Handwerk ist ein Produktionsmittel in der Hand vieler, ob aus Solidarität oder aus Mangel. Das Gruppenpseudonym weist programmatisch darauf hin, dass Gesellschaft ein materieller Prozess ist und soziale Visionen vor allem eine Frage des Tuns sind, nicht nur der Vorstellungskraft. Die Ziegelsteine als universelles Baumaterial zeigen beispielhaft die Konstruktionsidee im Werk von Los Carpinteros, das auf die soziale und materielle Gestaltungsarbeit weist, die noch zu tun ist.Darin liegt übrigens auch eine bewusste Opposition zu Duchamps Readymades, diesen Werkgedanken aus gut gefüllten Kaufhausregalen, deren Inventar nicht nur immer schon fertig ist, sondern vor allem kein Potenzial der Veränderung kennt.

 

Darin liegt übrigens auch eine bewusste Opposition zu Duchamps Readymades, diesen Werkgedanken aus gut gefüllten Kaufhausregalen, deren Inventar nicht nur immer schon fertig ist, sondern vor allem kein Potenzial der Veränderung kennt.

An Readymades schraubt man nicht rum. Sie verkörpern einen Determinismus der Unabänderlichkeit. Auch das 4,5 Meter breite Aquarell Ceiba I (2018) greift ikonografisch ins kapitalistische Supermarktregal, wählt dort jedoch ein Produkt, dessen Sinn und Funktion die permanente Transformation ist: Lego-Steine. Sie bilden in der Darstellung einen der zahlreichen Schulneubauten nach, die in den 70er und 80er Jahren in den ländlichen Regionen Kubas entstanden, um die sozialistische Gemeinschaft zu bilden. Heute sind viele dieser Schulen leer und ruinös, Denkmäler des Scheiterns vom Traum der Bildung für alle. Versetzt in eine Lego-Welt bleibt der Baukörper indes ein Spielobjekt und die egalitäre Vision ein umbautaugliches Vorhaben, in dem sich alle im Spiel befindlichen Steine noch versetzen lassen.

Photo: Ladislav Zajac Courtesy of Los Carpinteros and KOW, Berlin


Formen progressiver öffentlicher Architektur der kubanischen Moderne durchziehen das Werk von Los Carpinteros. In Aquarellen wie Espuma Cúbica cuatro, Díptico (2016) kehren sie als fantastische Gebilde wieder, die jeder Nutzungsbestimmung und bauphysikalischen Realität enthoben sind und in ihrer funktionalen wie körperlichen Schwerelosigkeit wie die Raumschiffe einer futuristischen Ingenieurskunst erscheinen. Es sind keine Baupläne für die eine oder die andere architektonische Vision – sie verkörpern das Prinzip einer solchen Vision. Die Utopie im Bild spricht dabei die Sprache des Machbaren. Sie ist Stein auf Stein gesetzt, Pinselstrich auf Pinselstrich. Die gebaute Welt ist in diesem Bild Wille und Vorstellung minus all die guten wie all die eingebildeten Gründe, warum sie unmöglich sei.

Und schließlich ein Quadrat aus schwarzen Bohnen. Gran cuadrado de frijoles negros (2017). Bekanntlich sah Kasimir Malewitsch sein Schwarzes Quadrat auf weißem Grund von 1915 als den utopischen Grundstein einer revolutionären Gesellschaftsordnung. Doch die großen Formeln der Revolutionen haben Russland so wenig Glück gebracht wie Kuba. Los Carpinteros holen Malewitschs moderne Ikone aus der Abstraktion zurück in die Realität tatsächlicher Lebensverhältnisse. Schwarze Bohnen mit Reis, mit diesem Nationalgericht der Grundbedürfnisse beginnt die kubanische Speisekarte des Alltags. In dieser Wirklichkeit, und nicht in abstrakten Versprechungen, setzt die Konstruktion eines besseren und gleicheren Lebens an, das sich in Los Carpinteros Werk ohne Pathos und Illusionismus in Erinnerung bringt.

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Wir wünschen ein schönes ARTWEEKEND!

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