ARTWEEKEND TIPS – Woche 21/2018

Philippe Parreno, Martin-Gropius-Bau //  Sigrid Neubert: Fotografien. Architektur und Natur, Museum für Fotografie  //  Schreiben ist Zeigen. Textbilder und -objekte aus der Edition Block, Edition Block  //  Katharina Schnitzler & Jakob Kupfer, mianki. Gallery

 


Philippe Parreno

Opening: 17.05.2018, 19 Uhr
Laufzeit: 25.05.2018 – 05.08.2018

Martin-Gropius-Bau | Niederkirchnerstraße 7 | 10963 Berlin

Rückblick auf eine zukünftige Ausstellung

„Nichts wird stattgefunden haben als die Stätte.“
Stéphane Mallarmé

Philippe Parrenos unbetitelte Einzelausstellung im Berliner Gropius Bau existiert noch nicht und wird vielleicht niemals genau so existieren, wie sie hier beschrieben wird. Das bedeutet aber nicht, dass sie weniger real wäre. Gewiss existiert diese Ausstellung in vielen verschiedenen Formen, die bisher rein virtuell sind – Möglichkeitsorte, die real werden könnten oder auch nicht. Bislang existiert die Ausstellung in verschiedenen Ausprägungen, die sich mit der Zeit verändert haben, darunter auch eine, die mithilfe von VR-Headsets erlebt werden kann. Momentan scheint allerdings nichts fixiert zu sein: Die Zukunft, die diese Ausstellung sich aneignen wird, bleibt offen und wir können uns nur ausmalen, was Parreno zu tun gedenkt.

Philippe Parreno, Anywhen, 2017 (Filmstill) © and courtesy Philippe Parreno

Sicher scheint, dass einige ältere Arbeiten wieder erscheinen werden. So wird ein Tintenfisch, ein Tier, das in Parrenos Arbeit immer wieder auftaucht, eine Hauptrolle in „Anywhen“ spielen. Dieser Film, 2016 gedreht, wurde kürzlich vollständig neu geschnitten. Viele der älteren Arbeiten, die vielleicht wieder gezeigt werden, waren anfänglich nicht einmal Kunstwerke. So trat zum Beispiel die Blumentapete, die zuvor als Hintergrundelement in Parrenos Film „Marilyn“ (2012) zu sehen war, in den Vordergrund und bedeckte als Einzelarbeit die Wand einer Galerie. Auch die „Fireflies“ kehren zurück: Hunderte von gezeichneten Leuchtkäfern blitzen auf einem großen LED-Bildschirm und erlöschen dann wieder; ihre Lebensdauer unterliegt komplexen Algorithmen. Dieses Kommen und Gehen altbekannter Figuren hat gewiss etwas mit Geburt, Tod und Wiedergeburt zu tun. In der Tat werden zwei riesige, aufblasbare Cartoon-Babyköpfe, eine der ältesten Arbeiten Parrenos aus dem Jahr 1993, zu neuem Leben erweckt. Wenn (oder sofern) diese alten Arbeiten aufeinandertreffen, bleibt abzuwarten, wie sie miteinander zurechtkommen werden. Werden sie miteinander in Schwingung geraten? Welche neuen Realitäten mögen entstehen?

VR-Ausstellungsansicht aus Philippe Parreno, Gropius Bau, Berlin (2018) © Philippe Parreno

Entkörperlichte, freischwebende Empfindungen und Intensitäten werden direkt auf die Körper der Arbeiten selbst sowie die der Besucher*innen einwirken. In einem Raum steuern drei verschiedene, von Wissenschaftlern entwickelte Windverwirbelungen die Kreise aufblasbarer Fische auf einer ausgeklügelten Route. Dieser Kurs wird wiederum auf unerwartete Weise durch die Interaktion zwischen den Fischen und den Betrachter*innen verändert. Live-Geräusche dringen von irgendeinem Ort in der Stadt oder jenseits der Stadtgrenze in die Ausstellung ein, verbreiten sich von Raum zu Raum, tauchen im Spiegelbassin des Lichthofs wieder auf und werden dort in die visuellen Muster von Wasserlilien übersetzt. In den Ausstellungsräumen ändert sich das Licht ständig: Automatische Jalousien heben und senken sich in einem Rhythmus, der von einer unbekannten Autorität vorgegeben wird. Von den gegenüberliegenden Gebäuden reflektiertes Licht bewegt sich langsam über den Boden des Museums – Parreno nennt dies eine „Heliostatenchoreografie“. Ein anderer Bereich ist in ein unheimliches, orangefarbenes Licht gebadet, das die fiktionale Zukunft unserer verlöschenden Sonne evoziert. In einem weiteren Raum finden drastische Temperaturschwankungen statt. Bilden wir uns das nur ein? Wie ist es möglich, dass wir diese Intensitäten spüren, die doch erst noch verwirklicht werden müssen?

Philippe Parreno, The Crowd, 2015 (Filmstill), Runtime: 24 minutes, Color, Digital 65 mm, Sound Mix: 5.1, Aspect Ratio : 1.10 © Philippe Parreno. Courtesy Pilar Corrias, Barbara Gladstone, Esther Schipper

Beim Gang durch die Ausstellung haben wir mehr und mehr das Gefühl, in eine Dimension eingetreten zu sein, die nicht unseren gängigen räumlichen Koordinaten gemäß organisiert ist. Dies ist ein innerlicher Raum, eine rein mentale Landschaft, beseelt von einer paranoischen Logik. In einem Hinterzimmer befindet sich ein Bioreaktor: ein Becherglas, in dem Mikroorganismen mutieren, sich vermehren und an ihre Umgebung anpassen. Mit Computern verbunden, die das Geschehen der Ausstellung orchestrieren, entwickeln diese Bakterien ein Gedächtnis, eine kollektive Intelligenz, die die wechselnden Rhythmen der Ausstellung erlernt und die Fähigkeit herausbildet, zukünftige Variationen vorauszuahnen. Während also die Mikroorganismen ständig miteinander und mit den ungewissen Geschehnissen im Museum interagieren, setzen ihre neuronalen Schaltkreise eine komplexe, nicht-deterministische, nicht-lineare Inszenierung in Gang. Das außerirdische Gehirn in einem Tank wird zum lebenden Kontrollzentrum, zum Drahtzieher der Ausstellung. Die Gedankenprozesse des Bioreaktors sind für Menschen nicht wahrnehmbar. Wir können uns nur ausmalen, was er zu tun gedenkt.

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Sigrid Neubert: Fotografien. Architektur und Natur

Laufzeit: 09.02.2018 – 03.06.2018

Museum für Fotografie | Jebensstraße 2 | 10623 Berlin

30 Jahre lang arbeitete Sigrid Neubert (*1927) als Fotografin für viele der bedeutendsten Architekturbüros. Dabei entwickelte sie einen eigenen Stil, der für kontrastreiche, die Strukturen der Bauten klar herausarbeitende Bilder steht – und Neubert zu einer der bekanntesten Architekturfotografinnen in Deutschland machte. Seit den 1970er Jahren erweiterte sie ihr Œuvre um eindrucksvolle Naturbilder, denen sie sich ab 1990 ausschließlich widmete. Neuberts Arbeitsweise war stets geprägt von einer sehr intensiven Beschäftigung mit dem fotografierten Gegenstand.

Sigrid Neubert, Walther und Bea Betz: Haus Ziegler-Gahm, Würzburg, Ausblick Küche, 1958 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Sigrid Neubert

Eine Retrospektive im Museum für Fotografie widmet sich nun dem Gesamtwerk der Fotografin, darunter auch ihren bekanntesten Arbeiten, wie den Bildern aus dem Nymphenburger Schlosspark und den megalithischen Tempeln von Malta, aber auch ihren ikonischen Architekturaufnahmen des BMW-Hochhauses in München. Die Retrospektive ist mit einer großzügigen Schenkung wesentlicher Werkkonvolute durch die Fotografin an die Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek verbunden.

Zur Ausstellung erscheint ein Buch von Frank Seehausen über die Architekturfotografie Sigrid Neuberts.

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Schreiben ist Zeigen. Textbilder und -objekte aus der Edition Block

Opening: 24.07.2018, 19 – 21 Uhr
Laufzeit: 25.05.2018 – 14.07.2018

Edition Block | Pragerstraße 5 | 10779 Berlin

1964 eröffnet René Block in Berlin seine Galerie, um die Mauerstadt mit Joseph Beuys, „Kapitalistischem Realismus“, Fluxus und Klangwerken zu konfrontieren. Parallel dazu realisiert er seit 1966 ein umfassendes Grafik- und Multipleprogramm, aus dem Arbeiten mit Bezug zur Sprache gezeigt werden. So ermöglicht die Ausstellung für ein halbes Jahrhundert umfassende Einblicke in die unterschiedlichsten poetischen, politischen, konzeptuellen Strategien der Kunst, Worte sichtbar werden zu lassen.

Henning Christiansen. Die Freiheit ist um die Ecke, 2008.

Mit Arbeiten von Joseph Beuys, Barbara Bloom, Claus Böhmler, John Cage, KP Brehmer, Marcel Broodthaers, Henning Christiansen, Braco Dimitrijević, Robert Filliou, Richard Hamilton, Mona Hatum, Ilya Kabakov, Allan Kaprow, On Kawara, Arthur Köpcke, Jarosław Kozłowski, Olaf Metzel, Dan Perjovschi, Sigmar Polke, Dieter Roth, Sarkis, Endre Tot, Nasan Tur, Ben Vautier, Lawrence Weiner, Emmett Williams und anderen

Ausstellungskonzeption: Michael Glasmeier


Katharina Schnitzler & Jakob Kupfer

Opening: 17.05.2018, 19 – 23 Uhr
Laufzeit: 18.05.2018 ‐ 09.06.2018

mianki. Gallery | Kalckreuthstraße 15 | 10777 Berlin

Katharina Schnitzler konfrontiert uns mit der Wahrnehmung und unseren angenommenen Realitäten. Sie schafft Bildwelten, die auf subjektive Weise das menschliche Bedürfnis nach Lösungen erfüllen. In ihrer Arbeit überlagert sie unzählige Texturen, Farbschichten, Zeichnungen und Text. Es entstehen Gemälde und Zeichnungen – installiert, poetisch, tief, witzig, eng verwoben und dabei brutal und schön zugleich!

Jakob Kupfer, FADE 065, 2018, LCD-Bildschirm, MiniPC, Rahmen, 51 x 51 cm, Foto: © Fürcho GmbH

In ihrem Schaffen ist Katharina Schnitzler eine Meisterin der Mischtechnik. Oftmals besteht der Hintergrund aus unzähligen Schichten. Da der Pinselstrich zu sehen ist und dieser in verschiedene Richtungen gezogen wird, entstehen Strukturen und Muster. Dabei unterstreicht Schnitzler die Materialität der Arbeit, denn die Strukturen erinnern an Ausschnitte von Stoffbahnen oder geprägte Ornamenttapeten. Häufig entsteht ein Gefühl von Raum. Im Vorder- oder Hintergrund befinden sich zarte Zeichnungen, die bis in das Abstrakte gehen oder geometrische Formen, welche mit viel Farbe aufgetragen wurden. Aber auch graziöse Pflanzen oder ornamentale Verzierungen ergänzen die Komposition und erinnern an chinesische Malerei.

Die Darstellung des „Dazwischen“ ist ihr künstlerischer Anspruch. Obwohl der Hinter- und der Vordergrund auch jeweils für sich stehen könnten, kommunizieren und harmonieren sie miteinander.

„Ich möchte, dass meine Bilder vielschichtig sind, der Betrachter sie nicht leer sieht, sondern seine subjektive Wahrnehmung das Bild immer wieder verändert. Der Facettenreichtum allen Seins, beinhaltet Momente, in denen alles möglich scheint“ sagt Katharina Schnitzler über ihr künstlerisches Anliegen.

Katharina Schnitzler, NADA 0,01, 2018, Öl und Lack auf Leinwand, 130 x 100 cm, Foto: © Fürcho GmbH

Katharina Schnitzlers Werke strahlen eine subtile Zeitlosigkeit aus und beschäftigen sich mit den existenziellen menschlichen Themen wie Liebe und Glück, Schönheit und Freude, aber auch Trauer und Krieg.

Gegenstandslosigkeit und permanenter Wandel sind wesentliche Merkmale des Lichts und prägen Jakob Kupfers Werk. Seine Arbeiten wirken wie ein Resonanzraum, in dem wir erleben können, was mit unserer Wahrnehmung geschieht, sobald wir uns auf den reinen Lichtfluss ohne erklärende Konturen einlassen. Sie laden ein innezuhalten, aktiv wahrzunehmen und sich selbst beim Wahrnehmen zu beobachten. Was jedoch dabei wahrgenommen wird, hat weniger mit dem Dargebotenen zu tun, sondern wird wesentlich von den eigenen inneren Bildern, Erinnerungen, Sehnsüchten und Ängsten geformt.

»Was wir nicht erkennen können, dürfen wir uns neu erdenken. Wo wir nicht mehr verstehen müssen, beginnt der Freiraum der Phantasie.« Jakob Kupfer

Als Quantenobjekt betrachtet, vereint Licht Eigenschaften von Welle und Teilchen, ohne das eine oder das andere zu sein. In gleicher Weise kann Kunst aus Licht zugleich raum- und zeitbasiert sein. Ähnlich unbestimmbar erscheint auch der Versuch einer Einordnung der Arbeiten von Jakob Kupfer.

Jakob Kupfer, FADE 063, 2018, LCD-Bildschirm, MiniPC, Rahmen, 51 x 51 cm, Foto: © Fürcho GmbH

Als »Lichtbildner« blendet er die Grenzen zwischen Malerei, Fotografie, Film/Video und Installation weitgehend aus und verwandelt scheinbare Ambivalenz in Dualität. Er vermeidet den Begriff Lichtmaler, betrachtet seine Arbeiten aber, weil sie singulär sind, als Gemälde. Für seine zeitbasierten Arbeiten verwendet Jakob Kupfer Techniken des Films, rahmt die so in Bewegung gesetzten Bilder dann aber als singuläre Gemälde. Die LICHTSPIELE verlassen installativ den Rahmen des Bilds an der Wand und interagieren sowohl mit den Oberflächen als auch mit den wechselnden Lichtsituationen im Raum. Hergestellt mit filmischen Mitteln ist das Ergebnis dennoch kein Film, sondern wiederum Licht, das kontinuierlich im Raum malt. Jakob Kupfers kinetische Lichtobjekte treten als gerahmte Bilder in Erscheinung, beziehen aber die Betrachtenden und deren Bewegung im Raum mit ein.

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Wir wünschen ein schönes ARTWEEKEND!

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