ARTWEEKEND TIPS – Woche 22/2018

Shapes & Symbols, Galerie 36 //  Between Art & Fashion. Photographs from the Collection of Carla Sozzani, Helmut Newton Stiftung  // 2 × 2 (Teil II), Galerie Poll  // Guglielmo Castelli, Künstlerhaus Bethanien

 

Shapes & Symbols

Dauer: 14.04.2018 — 21.07.2018

Galerie 36 | Chausseestraße 36 | 10115 Berlin

Die Galerie 36 freut sich sehr die erste Einzelausstellung der visionären Werbefotografien des amerikanischen Fotografen Bert Stern (1929 – 2013) aus den frühen Fünfzigern bis Ende der Sechziger Jahre zu präsentieren. Die Ausstellung „Shapes & Symbols“ zeigt eine Auswahl ikonischer Bilder, die in der äußerst produktiven Zeit seines Aufstiegs zu einem der führenden Fotografen der Werbewelt entstanden sind. Viele der ausgestellten Werke, die bisher nur in den Publikationen ihrer Entstehungszeit veröffentlicht wurden, sind nun im Sinne ihrer künstlerischen Tragweiten zum ersten Mal zu sehen.

Sterling Silver, Dansk, 1959 © Bert Stern. Courtesy Galerie 36 and Bert Stern Trust

Bert Stern gab in den frühen Fünfzigern den Anstoß zu einer neuen Ära der Werbefotografie. Er prägte maßgeblich die Entwicklung der farbigen Werbefotografie zu einer Kunstform. In Anzeigen wurden Bilder zuvor vorwiegend zur Visualisierung des Textes verwendet. Bert Sterns konzeptuelle Bilder konnten über die primäre Aussage einer Werbebotschaft an den Konsumenten hinaus eine Welt für das Produkt erschaffen. Eine seiner bekanntesten Fotografien entstand 1955 in Ägypten für Smirnoff Vodka und zeigt ein Martiniglas, in dem sich die Spitze der dahinter befindlichen Pyramide spiegelt. Diese Schlichtheit gilt als der einflussreichste Bruch mit der traditionellen Werbefotografie

Als autodidaktischer Fotograf begann Stern seine Karriere als Assistent beim Flair Magazin. 1946, während seiner Arbeit für das Look Magazin, schloss er Freundschaft mit Stanley Kubrick, für den er später Sue Lyon als Lolita porträtierte. Nach seinem Dienst in der US Army kehrte Stern nach New York zurück und begann Werbekampagnen zu realisieren. Er fotografierte 1953 in der weißen Wüste von New Mexico seinen ersten großen Auftrag in Zusammenarbeit mit der Madison Avenue ­Werbeagentur für Smirnoff Vodka. Dieser Auftrag war der Auftakt seiner großen Recherche der ästhetischen Bildfindung.

Let the lady be a tiger, Kellogg’s Tiger Flakes, 1961 © Bert Stern. Courtesy Galerie 36 and Bert Stern Trust

Sein kometenhafter Aufstieg ließ ihn einige der bemerkenswertesten farbigen Bilder zu Beginn des goldenen Zeitalters der Werbung produzieren, sowie einen bahnbrechenden Dokumentarfilm, „Jazz an einem Sommertag“, ebenso wie ikonische Porträts von Weltstars wie Audrey Hepburn, Sophia Loren, Elizabeth Taylor oder Gary Cooper und Truman Capote ­– einschließlich der berühmten „Last Sitting“–Fotografien von Marilyn Monroe.

¹ Robert A. Sobieszek, The Art of Persuasion: A History of Advertising Photography, New York: Harry N. Abrams, Inc., Publishers, 1988, p.99.

Textquelle | Bildquelle


Between Art & Fashion. Photographs from the Collection of Carla Sozzani

Opening: 01.06.2018, 20 Uhr
Laufzeit: 02.06.2018 – 18.11.2018

Helmut Newton Stiftung | Jebensstraße 2 | 10623 Berlin

Am 1. Juni 2018 eröffnet die neue Ausstellung Between Art & Fashion. Photographs from the Collection of Carla Sozzani in der Berliner Helmut Newton Stiftung.

Carla Sozzani, frühere Chefredakteurin der italienischen Elle und Vogue, hat über viele Jahre Fotografien gesammelt – und seit 1990 in ihrer Mailänder Galerie in enger Verbindung mit zahlreichen international renommierten Fotografen ausgestellt. So zeigte sie auch vier Ausstellungen mit Bildern von Helmut Newton: „Ritratti di donna“ (1993), „Impressions, Polaroids“ (1996), „Us and them“ (1999), zusammen mit seiner Frau June, aka Alice Springs, und „Yellow Press“ (2003). Die persönliche Freundschaft zwischen Carla Sozzani und Helmut Newton mündet 2018 in der Präsentation der vielschichtigen Sozzani-Sammlung in der Helmut Newton Stiftung unter dem Titel Between Art & Fashion.

Paolo Roversi, Meg, Alaia Dress, 1987 © Paolo Roversi

Seit der Galeriegründung vor 28 Jahren gab es bei Carla Sozzani Hunderte von Fotografie-Ausstellungen, u. a. von Annie Leibovitz, Sarah Moon, Paolo Roversi, David Bailey, Hiro oder David LaChapelle. Darüber hinaus finden zweimal jährlich Ausstellungen zu Architektur und Design, etwa zum Werk von Carlo Mollino, Verner Panton oder Yayoi Kusama, und schließlich Modepräsentationen, u. a. von Pierre Cardin, André Courrèges oder Paco Rabanne, statt. Manche der ausgestellten Werke gelangen anschließend in Sozzanis Sammlung, die heute annährend 1 000 Werke umfasst und neben Modebildern auch Fotoexperimente von Berenice Abbott und Duane Michals, Akt-Porträts von Francesca Woodman und Daido Moriyama sowie Stillleben von Man Ray und William Klein beinhaltet. So entstand über viele Jahre eine heterogene Sammlung mit Fokus auf klassischer Schwarz-Weiß-Fotografie, die wie ein Blick zurück in eine vergangene Zeit wirkt.

Die Galerie Sozzani ist bis heute zentraler Bestandteil des von Carla Sozzani 1991 gegründeten ersten Concept Stores überhaupt: 10 Corso Como, mit Hauptsitz im Zentrum Mailands und inzwischen mit Ablegern in China, Korea und den USA. Die Galerie befindet sich seit 2016 unter dem Dach einer Stiftung.

Alice Springs, Yves Saint Laurent, Paris 1978 ©Alice-Springs

Between Art & Fashion wird nach Präsentationen in der Pariser Galerie Azzedine Alaïa und dem Schweizer Museum of Fine Arts Le Locle (kuratiert von Fabrice Hergott) in völlig neuer Zusammenstellung erstmals auch in Deutschland gezeigt und hält neben zahlreichen Bildikonen viele Überraschungen bereit. Aus dem umfangreichen Sammlungsbestand wurden über 200 Fotografien ausgewählt. Thematisch auf den aktuellen Ausstellungsort abgestimmt, werden einige Fotografen mit nur einer Arbeit präsentiert, andere mit einem kleinen Konvolut – eine Auswahl, in der es nicht um Vollständigkeit geht, sondern um Authentizität und Sichtbarmachung, um die Qualität autonomer und repräsentativer Bilder.

Innerhalb der Berliner Präsentation ragen vier Kooperationen zwischen Carla Sozzani und Paolo Roversi, Sarah Moon, Bruce Weber und Helmut Newtonheraus, jeder wird entsprechend viel Ausstellungsraum eingeräumt, u.a. mit Arbeitsfotos und Kontaktbögen der gemeinsamen Modeshootings.

Francesca Woodman, Untitled, MacDowell Colony, Peterborough, New Hampshire, Summer 1980 © Courtesy of George and Betty Woodman

In June’s Room sind anlässlich des 95. Geburtstages von June Newton alias Alice Springs über 30 teilweise noch nicht gezeigte Porträts zu sehen, die aus dem Stiftungsbestand ausgewählt wurden – im Kontext der Sozzani-Sammung sind es vor allem Künstler, Fotografen und Modedesigner. Alice Springs hat seit den 1970er-Jahren ein eigenständiges fotografisches Werk geschaffen, das auch immer wieder in der Helmut Newton Stiftung gezeigt worden ist. Die Liste der von Alice Springs porträtierten Künstler, Schauspieler und Musiker liest sich wie ein Who’s who der internationalen Kulturszene aus den vergangenen vierzig Jahren diesseits und jenseits des Atlantiks – von Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld über Billy Wilder und Diana Vreeland bis zu den Hell’s Angels. Auch wenn die meisten der von ihr Porträtierten zum Jetset gehören, macht sie doch grundsätzlich keinen Unterschied zwischen den gesellschaftlichen Schichten. Manche Aufnahmen sind im Auftrag für Zeitschriften zwischen Paris und Los Angeles entstanden, andere aus freiem Antrieb. Möglicherweise hilft ihr, der ausgebildeten Schauspielerin, die tiefe Kenntnis des Schauspiels, gleichzeitig auf und hinter die Fassade des Menschlichen zu schauen. Ihren Blick für und auf die Menschen konzentriert sie meist auf deren Gesichter; zuweilen fasst sie sie im engen Bildausschnitt als Brust-oder Dreiviertelporträt. Nur wenige Studioporträts sind darunter, die Mehrzahl entstand vielmehr – meist bei natürlichem Licht – im öffentlichen Raum sowie vor oder in den Wohnungen der Protagonisten.

2 × 2 (Teil II)

Laufzeit: 21.04.2018 — 02.06.2018

Galerie Poll Berlin | Gipsstraße 3 | 10119 Berlin

Johannes Daniel (*1987) bedient sich der konventionellen Mittel der Malerei, um daraus aktuelle Bilder zu entwickeln. Dieser Prozess der Bildwerdung steht im Fokus seiner Arbeiten, in denen die Bedingungen und Möglichkeiten der Malerei sichtbar werden. Sein besonderes Interesse gilt der Transformation von Alltagssituationen, Seherlebnissen in Kunstausstellungen oder Hör- und Leseerfahrungen sowie digitalen Bildern in seine künstlerische Arbeit. Mit dem Wiederholen und Sampeln von Bildgedanken und -fragmenten verweist der Künstler auf die prinzipielle Uneinholbarkeit eines gedanklichen Konstrukts im malerischen Ausdruck. Aus dieser permanenten Konfrontation ergibt sich für Daniel der Zwang fortzufahren.

MEANWHILE, 2018 © Johannes Daniel

Thema der aus elf Motiven bestehenden Serie „Der große Gewinn“ von Daniel Poller (*1984) ist die Geschichte des Wiederaufbaus des Braunschweiger Schlosses. Poller reproduzierte und vergrößerte Kalenderblätter des Schlosses auf Pigmentdrucke im Format von 160 x 110 cm, um dann Teile der historischen Motive mit einem Radiergummi auszulöschen. Durch das Ausradieren entstanden weiße Flächen, mit denen der Künstler auf die Kontingenz des Zustandekommens einer jedweden „Rekonstruktion“ verweist, zumal wenn sich diese auf historische Fotografien bezieht.

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GUGLIELMO CASTELLI
Goodmorning Bambino

Laufzeit: 24.05.2018 – 17.06.2018

Künstlerhaus Bethanien | Kottbusser Straße 10 | 10999 Berlin

GUGLIELMO CASTELLIs künstlerische Praxis basiert auf einem tiefgreifenden Interesse am Körper und seiner Beziehung zum Raum. Seine Ausstellung Goodmorning Bambino zeigt neu entwickelte, leuchtende und großformatige Gemälde mit ganzfigürlichen Körpern in vagen Umgebungen, die durch einen intensiven Arbeitsprozess zum Leben erweckt werden. Vom Skizzenbuch bis zum letzten Gemälde zurück auf eine unvorbereitete zeichnerische Leinwand, nutzt Castelli eine Vielzahl von experimentellen Schritten, um seine Themen zu erforschen, sorgfältig auszuwählen, zu testen und neu zu formieren.

Who Will Come to Find You First, Your Devil or Your Gods?, 2018, Mixed media auf Leinwand, 140 x 100 cm, Courtesy the artist.

Castelli versteht den Körper als eine Art Landschaft und formt starke, aber melancholische, kraftvolle, aber fragile und gewalttätige, aber weiche Verzerrungen, indem er sie seinen Figuren zuschreibt und die Räume um sie herum konstruiert. Durch die Entfaltung von mehrschichtigen Feldern aus Ölfarbe und Pastell existieren die filmisch inszenierten fließenden Figuren außerhalb ihres Rahmens und verwandeln ihre außerbildliche Umgebung in Szenen, die betreten werden sollen, um ungeahnte Geschichten und körperliche Reichweiten der Protagonisten wahrzunehmen. Die sorgfältig geschaffenen Ambivalenzen, die keine eindeutigen Interpretationen im Hinblick auf  die sich stets entwickelnden, auflösenden und verschmelzenden Körper zulassen, ermöglichen es Castelli, eine unverwechselbare ikonographische Sprache zu entwickeln, die unseren zeitgenössischen Zustand von Instabilität, Unsicherheit und Flüchtigkeit mit dem beständigen Streben nach Ausgewogenheit, Sicherheit und Gewissheit verbindet.

Wir wünschen ein schönes ARTWEEKEND!

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