ARTWEEKEND TIPS – Woche 25/2018

Heimat. Von Ver- und Entwurzelten, Galerie Z22  //  Marco Rigamonti. THE ISLAND, Alles Mögliche  //  Practices of Radical Health Care, District Berlin  //  Chenchenchen. The Mercy of Not Killing, Migrant Bird Space | MO-Industries  //  Sofia Hultén. Coulda Woulda Shoulda, Daniel Marzona

Heimat. Von Ver- und Entwurzelten

Opening: 16.06.2018, 19 Uhr
Laufzeit: 16.06.2018 — 21.07.2018

GALERIE Z22 | Zähringerstraße 22 | 10707 Berlin

Die “Süddeutsche Zeitung” hat sich kürzlich mit einer Artikelreihe dem Begriff  “Heimat” gewidmet und Deutschland richtet ein Heimatministerium ein. Immense Flüchtlingsbewegungen, seit Jahren nicht wie gewohnt weit weg von uns, sondern an unserer Haustür vorbei, lassen die Frage danach, was Heimat bedeutet, hoch aufflackern.

„the root“ 2014, c-print auf AluDibond, 80×80, 8 + 2AP, by Frank Massholder
Weltumspannend beschäftigen sich Künstler mit diesem Thema, das auch für sie persönlich in einer globalisierten Lebenswelt zum wichtigen Topos wird.
Es gibt ebenso viele Definitionen von Heimat wie es Menschen gibt – Heimat ist ein persönliches Gefühl, eine Sehnsucht. Wie verstehen Entwurzelte Heimat und wie jene, die von politischen Regimes verdammt sind wie in Nordkorea oder einst in der DDR, Heimat eng, isoliert und alternativlos zu erleben? Wie empfindet man Heimat aus der Ferne und wie fühlt sie sich  aus der Nähe an? Der Begriff Heimat unterliegt mannigfachen Blickwinkeln und persönlichen Anschauungen. Die Betrachtung von Heimat ist gespeist aus einem Meer von Erlebnissen, kultureller Herkunft und persönlichem Wertesystem. Heimat kann heiter machen, aber auch verzweifelt stimmen. Sie kann sentimental und martialisch sein.
Dirk Krüll, Kleintierzüchterverein Dinslaken, 2017, c-print auf AluDibond, 40 x 30, 50 + 2AP

Die Galerie Z22 zeigt einen künstlerischen Querschnitt der Auseinandersetzung mit dem Thema “Heimat”, 24 unterschiedliche Positionen.

Mit: Katerina Belkina, Kermit Berg, Sascha Boldt, Hardy Brackmann, Giuliana DelZanna, Rose Eisen, Rebecca Elior, Skadi Engeln, Oliver Ferch, Cora Fisch, Gerhard Kassner, Dirk Krüll, Marita Liiten, Janine Machiedo, Marion Mandeng, Eric Massholder, Frank Massholder, Mariella Ridda, Monika Ross, Özlem Sariyildiz, Ann Schomburg, Monika Schopp, Vladimir Sichov, Ellen von Unwerth und Kurt Woldmann.

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Marco Rigamonti. THE ISLAND

Opening: 16.06.2018, 19 – 23 Uhr
Laufzeit: 16.06.2018 – 31.08.2018

Alles Mögliche | Odenwaldstraße 21 | 12161 Berlin

Eigentlich stellt die Galerie ALLES MÖGLICHE keine Landschaften aus. Die Galerie ist fokussiert auf das große Thema „Mensch“. Aber in Marco Rigamontis Fotografien sizilianischer Küstenlandschaften tauchen immer wieder Personen auf, wie inszeniert oder einer geheimen Regie folgend, aber doch immer zufällig anwesend.

© Marco Rigamonti

Die wie unbeobachtet agierenden Menschen verleihen den Bildern den Zauber und die Anmutung von Filmstills. Die Szenerien erinnern, obwohl ganz gegenwärtig, an das italienische Kino der sechziger Jahre. Aber es handelt sich nicht um das, was schnell mit street photography kategorisiert wird. Die sorgfältig komponierten Bilder haben viel von den klassischen Landschaften der Renaissancemalerei.

© Marco Rigamonti

Es dominiert eine Stille in gleißendem Licht mit weiten Horizonten und einer klaren Staffelung der Räume. Dennoch ist der Betrachter geneigt nach dem „Wie-geht-es-weiter?“ zu schauen, quasi hinter den Rand des Bildausschnittes.

Zur Ausstellungseröffnung am 16.06.2018 wird der Künstler anwesend sein. Es wird signierte Bücher geben.

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Practices of Radical Health Care. Materialien zur Gesundheitsbewegung West-Berlins der 70er und 80er Jahre

Opening: 16.06.2018, 17 Uhr | 20 Uhr Konzert
Laufzeit: 16.06.2018 – 29.07.2018

District Berlin | Bessemerstraße 2-14 | 12103 Berlin

 Practices of Radical Health Care – Materialien zur Gesundheitsbewegung präsentiert in Ausstellung, Workshops, Veranstaltungen und einer Publikation eine Recherche zur Gesundheitsbewegung West-Berlins. An der Schnittstelle zwischen Frauen*bewegung und Hausbesetzer*innenszene entstanden radikale Institutionen wie das Feministische Frauengesundheitszentrum (FFGZ), die antipsychiatrische Beratungsstelle und das HeileHaus, die heute mit alternativen Beratungsangeboten fortbestehen. Feministische Gesundheitsinitiativen organisierten Selbstuntersuchung, Selbsthilfegruppen und autonome Beratungen und kämpften für das Recht auf Abtreibung. Die Gesundheitsbewegung stellte den patriarchalen medizinischen Blick, insbesondere in der Frauen*heilkunde, und den funktionalen Gesundheitsbegriff der Schulmedizin infrage. Die Gesundheitsbewegung politisierte Krankheit als gesellschaftlichen Raum der Unterbrechung und des Widerstands.

Zeichnung: Schleim auf dem Höhepunkt der Fruchtbarkeit (Spinnbarkeit) aus Clio 21/22 eine periodische Zeitschrift zur Selbsthilfe. Abgedruckt in: Gesundheitsbuch, editiert von Ulf Mann (Apothekerkollektiv am Viktoriapark), S. 330.

In Practices of Radical Health Care erarbeitet die Feministische Gesundheitsrecherchegruppe Displays und Collagen, die Gespräche zur Gesundheitsbewegung, visuelles Material, Dokumente und Publikationen subjektiv zusammenbringen. Darin geht sie den didaktischen Möglichkeiten und instruktiven Momenten der Gesundheitsbewegung nach. Practices of Radical Health Care unterstreicht die Forderungen der Gesundheitsbewegung nach körperlicher Selbstbestimmung, solidarischen Formen gegenseitiger Fürsorge, gesellschaftlicher Anerkennung von Normabweichung und nach selbstermächtigenden Perspektiven im Gesundheitswesen.

Illustration aus Anne Kent Rush: Getting Clear, ein Therapie-Handbuch für Frauen. Deutsche Übersetzung Verlag Frauenoffensive, München 1977. Illustrationen Monika Neuser.

Die Feministische Gesundheitsrecherchegruppe (Julia Bonn, Alice Münch, Inga Zimprich) entwickelt künstlerische Perspektiven auf Gesundheit. Sie erprobt Methoden der Gruppenarbeit, gibt Workshops, veröffentlicht Zines und baut eine Recherchebibliothek auf. Seit 2016 recherchiert die Feministische Gesundheitsrecherchegruppe zur Gesundheitsbewegung. Sie trifft Protagonist*innen, besucht Initiativen und archiviert Dokumente der Bewegung mit dem Ziel, selbstermächtigende und feministische Praxen gesundheitlicher Selbstbestimmung zu bergen und erneut zu aktivieren.

Practices of Radical Health Care wird unterstützt durch Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa, Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt, Gerda-Weiler-Stiftung für feministische Frauenforschung und die Arthur Boskamp-Stiftung.

Panel Curating Sickness
alpha nova & galerie futura
8. September 2018

Publikation
Präsentation bei b_books Berlin
Herbst 2018

Zugehöriges Programm:
Workshop: Würdest du mich unterstützen? | 22/06/2018
Workshop zur vaginalen Selbstuntersuchung | 23/06/2018
Workshop: Lieber krankfeiern als gesund schuften | 14/07/2018

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Chenchenchen. The Mercy of Not Killing

Opening: 15.06.2018, 19 Uhr
Laufzeit: 16.06.2018 – 20.07.2018

Migrant Bird Space | MO-Industries | Koppenplatz 5 | 10115 Berlin

Der chinesische Konzept-Künstler Chenchenchen (a.k.a. CCC, geb. 1987) wurde bekannt durch seine Performance THE MERCY OF NOT KILLING 2.0, in der er zehn chinesische Bauarbeiter von den Rändern eines 34-Meter hohen Wasserturms in Wuxi baumeln liess. Das Spektakel wurde dokumentiert von einer Drohne (https://vimeo.com/224615270).

© CCC: The Mercy of Not Killing | Courtesy of the artist & www.mo-industries.com

Mit seinen Performances und multimedialen Installationen war Chen unter anderem bereits im Ullens Center for Contemporary Art in Peking oder im MING Contemporary Art Museum in Schanghai zu sehen. Dies ist seine erste Solo-Ausstellung in Europa.

Chen arbeitet in verschiedenen Medien mit einem Fokus auf Video, digitaler Kunst und Performance. Seine unterschiedlichen Projekte sind miteinander verwoben und bilden ein futuristisches Panorama, das Chen “Poor Sci-Fi” nennt: eine techno-dystopische Vision des alltäglichen Lebens. Sein Werk ist klug und spektakulär; es beleuchtet aktuelle Themen der chinesischen Gesellschaft und wirft zugleich einen Blick auf die Lebensverhältnisse des Einzelnen in der globalisierten Welt.

© CCC, 2017 | Courtesy of the artist & www.mo-industries.com

In seiner Kunst als auch in der aktuellen Arbeit für seine Promotion an der “Capital Normal University” in Peking, ergründet Chen das Dasein im modernen Kapitalismus und die Macht gemeinsamer menschlicher Werte.

Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt der internationalen Pop-Up Galerie MOIndustries und der deutsch-chinesischen Galerie Migrant Bird Space. In Berlin wird eine multimediale Installation der berüchtigten MERCY OF NOT KILLING-Performance zu sehen sein sowie der Werkkomplex “Possible Babies”, der unter anderem das Videospiel
“Find Chenchenchen and Kill Him” umfasst.

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Sofia Hultén. Coulda Woulda Shoulda

Opening: 15.06.2018, 18 – 21 Uhr
Laufzeit: 15.06.2018 – 31.07.2018

Daniel MarzonaFriedrichstraße 17 | 10969 Berlin

Daniel Marzona freut sich, die zweite Einzelausstellung von Sofia Hultén mit neuen Arbeiten  in der Galerie zeigen zu dürfen.

Die Arbeiten von Sofia Hultén sind getrieben von einer experimentellen Auseinandersetzung mit den Dingen, denen wir im Alltag begegnen. Hulténs rauhe Objekte stammen meistens aus zweiter Hand, online bezogen oder auf der Straße gefunden. Sie tragen in sich Spuren eines früheren Lebens, deuten auf das verborgene Potential und die parallelen Möglichkeiten ihrer kompositorischen Neugestaltung. Ihre Materialien erscheinen oft als Fragmente eines breiteren Aktivitätsrahmens, ähnlich einem Kapitel aus einer längeren Geschichte. In ihren Arbeitsprozessen gelingt es Hultén, gewohnte Strukturen der Wahrnehmung zu umgehen und gleichsam unerkannte Dimensionen in Alltagsgegenständen zu offenbaren. Viele ihrer Arbeiten sind knifflige, manchmal humorvolle Demonstrationen darüber, wie Kunst, oft mehr als Philosophie oder Wissenschaft, zwischen abstraktem Denken und ästhetischer Erfahrung vermitteln kann.

Sofia Hultén, Reality Plural, 2017, Asphalt, Epoxidharz, Gullideckel, gepresste Blätter, 73 x 48 x 15 cm | 28 3/4 x 19 x 6 in, courtesy the artist and Daniel Marzona, Berlin, Foto: Trevor Good, VG Bildkunst, Bonn 2018

Eine neue Werkserie mit dem Titel Pattern Recognitionwidmet sich den Motiven von Rätseln und ihrer Entschlüsselung. Hultén hängt Werkzeuge und industrielle Materialien, wie Schraubschlüssel oder Metalausschnitte, auf Lochplatten in geometrischer Anordnung. Diese Arrangements sind inspiriert von den “Bongard-Problemen” der Mitte der 1960er Jahre, einer Reihe von Puzzles, die ursprünglich entwickelt wurden, um Computern beizubringen, abstrakte Muster zu erkennen und ihre Relevanz für die Problemlösung zu bewerten. In Hulténs Adaptation tritt der Betrachter an die Stelle der Maschine, die nach Regeln sucht, die Reihenfolge und Platzierung der alltäglichen Objekten bestimmen. In diesem Erkenntnisprozess wird der Betrachter gleichzeitig mit  grundlegenden  Problemen der Kategorisierung konfrontiert.

One Way or Another spielt mit der Frage, wie die aktuelle Erscheinung von drei verschiedenen Fundobjekten – ein Fleck auf einem Kapuzenpulli, eine kaputte Tasse und ein verbogener Schlüssel – zustande gekommen sein könnten. Neben den Objekten präsentiert ein Video mehrere alternative Erzählungen und Abfolgen von Ereignissen, die möglicherweise zum gegenwärtigen Zustand der Objekte geführt haben könnte. Während eine Sequenz plausibel erscheint, werden die anderen, scheinbar absurderen Kombinationen von Ereignissen als gleichwertig dargestellt – eine spekulative Fiktion aus einer Welt ohne Notwendigkeit.

Sofia Hultén, Pattern Recognition II, 2017, modified steel, workshop walls, tools, 180 x 125 x 5 cm | 70 3/4 x 49 1/4 x 2 in, courtesy the artist and Daniel Marzona, Berlin, Foto: Trevor Good, VG Bildkunst, Bonn 2018

Auch Reality Plurallässt seine narrativen Möglichkeiten offen: Eine Gruppe von drei Gullydeckeln mit getrockneten Blättern und einer Teerschicht regt die Suche des Betrachters nach einem ordnenden oder selektiven Prinzip für diese Objekte an und hinterfragt zugleich ihr Wesen, ihre Funktion und ihre Vergangenheit. Wie bei allen Arbeiten Hulténs besteht der Fokus der Arbeit darin, einen Sinn für die Kontingenz der Dingwelt zu erzeugen und zu erforschen. Alles könnte auch anders sein und sobald unser naiver Glaube an die Beziehung von Ursache und Wirkung aufgehoben ist, eröffnet sich unmittelbar eine ganz neue Welt. Eng verbunden mit den endlosen Permutationen dieser Welt können wir die politische Dimension von Hulténs Streben nach Offenheit, Zufall und Kontingenz erkennen. Sie macht unsere Sehnsucht nach Gewissheit zunichte, lehnt die großen Erzählungen und eine Rhetorik der Eindeutigkeit ab. Stattdessen fördert Hulténs Arbeit eine nicht-deterministische Weltanschauung von hoher Komplexität, die sich unserer Vorstellungskraft öffnet; eine Haltung gegenüber der Welt, die weit weniger Gefahr läuft, sich in Ideologien zu verstricken, die nach der einen absoluten Wahrheit streben.

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Wir wünschen ein schönes ARTWEEKEND!

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