ARTWEEKEND TIPS – Woche 26/2018

Vom Verschwinden und Erscheinen – Über das Ephemere in der Fotografie, Alfred Ehrhardt Stiftung  //  XXIV. ROHKUNSTBAU: Achtung – Mind the Gap, Schloss Lieberose  //  Reflections: From Here to There, Gallery Taik Persons  // Künstler Komplex. Fotografische Porträts von Baselitz bis Warhol. Sammlung Platen, Museum für Fotografie  //  Qin Yufen. L E B E N , Schwartzsche Villa

 


Vom Verschwinden und Erscheinen – Über das Ephemere in der Fotografie

Opening: 29.06.2018, 19 – 21 Uhr
Laufzeit: 30.06.–09.09.2018

Alfred Ehrhardt Stiftung | Auguststr. 75 | 10117  Berlin

Gruppenausstellung mit Nicole Ahland, Ellen Auerbach, Alfred Ehrhardt, Scott B. Davis, Bill Jacobson, Adam Jeppesen, Sandra Kantanen, Isa Marcelli, César Martins, László Moholy-Nagy, Marianne Ostermann, Rita Ostrowskaja, Helena Petersen, Ida Pimenoff, Jorma Puranen, Pentti Sammallahti, Andrea Sunder-Plassmann, Donata Wenders, Francesca Woodman

Die Gruppenausstellung vereint fotografische Arbeiten zum Thema des Ephemeren, des kurzzeitigen Erscheinens und Verschwindens, des Fragilen und Transzendenten. Ihnen gemeinsam ist das durch Unschärfe, Langzeit- oder Mehrfachbelichtungen bedingte Auflösen des Bildgegenstands, der zugunsten einer bildimmanenten Stimmung in den Hintergrund tritt. Sie verweisen nicht auf etwas anderes außerhalb ihrer selbst, auch wenn wir Menschen, Räume, Landschaften oder Gegenstände darin zu erkennen vermeinen. Das, was gezeigt wird, erscheint und verschwindet zugleich. In vielen der Bilder geschieht dies mit Hilfe von Dunst oder Nebel, der eine alles umfassende Atmosphäre evoziert und somit einen emotionalen Zugang ermöglicht. Das Bild tritt dem Betrachter entgegen und schafft in seiner Fähigkeit, Präsenz zu erzeugen, einen Ereignis- oder Gefühlsmoment, den er während der Anschauung in seiner eigenen Imagination und seinem eigenen Gefühlsleben nacherleben kann. Die Ausstellung betrachtet das Phänomen des Ephemeren vorwiegend in der zeitgenössischen Fotografie anhand einer Auswahl von Künstlern, deren Arbeiten sich im Grenzbereich des Sichtbaren bewegen. Die Präsentation umfasst dabei Natur- und Landschaftsaufnahmen, Interieur- sowie Portraitdarstellungen und berücksichtigt verschiedene fotografische Techniken und Druckverfahren, wie beispielsweise Fotogramm, Photogravüre oder Platindruck.

Helena Petersen, Pyrographie, Colour LXXI-2 und Colour LXXI-3, 2015, C-Print © Helena Petersen / Courtesy Helena Petersen

Der dänische Fotograf Adam Jeppesen (*1978) experimentiert mit der Photogravüre, bei der er den Druckstock nur ein einziges Mal mit Farbe bestreicht, so dass das Motiv zunehmend verschwindet bis schließlich nur noch ein scheinbar leeres, weißes Blatt bleibt. Der Amerikaner Scott B. Davis (*1971) arbeitet mit einer großformatigen Fachkamera und stellt die originalgroßen Platindrucke in Diptychen als Positiv- und Negativansichten gegenüber, in denen das Motiv mal im Schwarz der Nacht, mal im gleißenden Weiß der Umkehrung verschwindet. Die finnische Fotografin Sandra Kantanen (*1974) löst hingegen mittels digitaler Verwischungen und Übermalungen die Oberfläche ihrer Rauchbilder in einem malerisch gestischen Duktus auf.

László Moholy-Nagy (1895-1946) zählt ohne Zweifel zu den Pionieren der kameralosen Fotografie und experimentierte seit den 1920er-Jahren mit Fotogrammen. Das Triptychon in der Ausstellung zeigt schemenhaft aus der dunklen Fläche auftauchende Spuren verschwundener Objekte, die zwischen der Sichtbarkeit an der Oberfläche und dem Verschwinden in einer abstrakten Räumlichkeit oszillieren. Den nur einige Millisekunden währenden Moment des Abschusses einer Feuerwaffe nutzt die Fotografin Helena Petersen (*1987) für ihre Serie Pyrographie, bei der das Fotopapier allein vom Mündungsfeuer belichtet und teilweise durch herabfallende Rückstände verletzt wird, so dass sich die aggressive Wucht des Schusses nicht nur visuell, sondern auch haptisch in die Bilder einschreibt.

Andrea Sunder-Plassmann, Mensión, 1988, Analoge Großbild Fotografie (13×18) © Andrea Sunder-Plassmann

Der Mensch, per se ephemer in seinem Dasein, ist Gegenstand einer Reihe weiterer Arbeiten. In ihren fotografischen Selbstportraits gehen die Künstlerinnen Andrea Sunder-Plassmann (*1959) und Rita Ostrowskaja (*1953) beide vom eigenen Körper aus, den sie mittels einer langen Belichtungszeit dem Verschwinden preisgeben. Von einer melancholischen Grundstimmung geprägt und nah am Tod sind auch die Selbstdarstellungen der amerikanischen Künstlerin Francesca Woodman (1958-1981). Mit exzessiver Vehemenz lotet sie die Grenzen und Möglichkeiten des Genres aus, spielt mit symbolisch aufgeladenen Requisiten, Abbildungstechniken und extremen Bildausschnitten. Auch Isa Marcelli (*1958), Bill Jacobson (*1955) und Donata Wenders (*1965) befassen sich mit der menschlichen Figur, die in ihren Fotografien auf verschiedene Weise entkörperlicht wird. All diesen Arbeiten gemeinsam ist eine Figur und Raum gleichermaßen durchwebende Stimmung, in der die Umrisse des Ich verschwimmen und verschwinden.

Das Aufspüren und Erleben von Stimmungen und ortspezifischen Atmosphären nimmt die Fotografin Nicole Ahland (*1970) zum Gegenstand ihrer Raumportraits. Ihre Bilder sind das Ergebnis eines intensiven Hineinfühlens in einen Raum, welches ihr ermöglicht, das »Raumgefühl« (Theodor Lipps) zu erspüren. Eine berührende Stille zeichnet auch die Arbeiten der finnischen Fotografin Ida Pimenoff (*1977) aus, die in ihren Arbeiten die spezifische Stimmung des Dämmerlichts einfängt. Ganz konkret verschwinden die baufälligen Interieurs bei Ellen Auerbach (1906-2004) und Alfred Ehrhardt (1901-1984). »Es sind Spuren der Zeit und des Alterns, die den Dingen Insignien der Präsenz verleihen«, beschreibt Gernot Böhme die spezifische Atmosphäre des Ephemeren, das ein »Miterscheinen des Daseins« ist. Besonders eindringlich spürt man dies in den bisher unbekannten Ruinenbildern Alfred Ehrhardts, die kurz nach dem Bombardement seines Hamburger Wohnhauses 1942 entstanden.

Marianne Ostermann, Morphose 14_1, 2014, Cyanotypie © Marianne Ostermann

Als Sujet des Amorphen und Ephemeren fungieren häufig Wolken, wie beispielsweise in den Fotografien von Pentti Sammallahti (*1950) und César Martins (*1981). In den Aufnahmen des finnischen Fotografen Pentti Sammallahti ereignet sich oftmals Zauberhaftes, man hat das Gefühl, eine Traumwelt zu betreten, die einen magischen Sog ausübt. Während er den Himmel von der Erde aus festhält, begibt sich der in Portugal geborene Fotokünstler César Martins in die Wolken, um diese aus der sublimen Perspektive des Fliegenden festzuhalten. Mit der ephemeren Erscheinung von Eisblumen beschäftigt sich die Fotografin Marianne Ostermann (*1950). Die durch die vereisten Fensterscheiben fotografierten Aufnahmen entwickelt sie als Cyanotypien, in denen die Motive im samtenen Blau verschwimmen. Als Sehnsuchtsfarbe bestimmt das Blau die Icy Prospects des finnischen Fotografen Jorma Puranen (*1951). Seine Aufnahmen der arktischen Landschaft wirken wie eingefrorene Traumlandschaften. Tatsächlich handelt es sich jedoch um Reflexionen der Landschaft auf einem lackierten Holzbrett – auch die Grenzen von Wirklichkeit, Wahrnehmung und Einbildung sind ephemer, flüchtig und nicht klar zu fassen.

Begleitende Veranstaltungen:

Mittwoch, 4. Juli 2018, 19 Uhr: Vortrag von Prof. Dr. Gernot Böhme zum Ephemeren

Mittwoch, 1. August 2018, 19 Uhr: Performance und Vortrag von Prof. Dr. Ferenc Jádi

Sonntag, 9. September 2018, 16-18 Uhr: Finissage

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XXIV. ROHKUNSTBAU: Achtung – Mind the Gap

Opening: 30.06.2018, 15 Uhr
Laufzeit: 30.06.2018 – 09.09.2018

Schloss Lieberose | Schlosshof 3 | 15868 Lieberose

Der 1972 vom Club of Rome veröffentlichte Bericht über „Die Grenzen des Wachstums“ ist von vielen als Weckruf erfahren worden. Begriffe wie „Moderne“ oder „Fortschritt“ wurden seither postmodernen Revisionen unterzogen. Noch in den 1970er-Jahren wurden gleichzeitig in verschiedenen europäischen Ländern rechtspopulistische Parteien grundgelegt, aber erst in jüngerer Zeit ist ein deutlicher Backlash zu beobachten. Teile der Bevölkerung wenden sich von liberalen Fortschrittsideen ab und rechten Ideologien zu. Rechtspopulisten instrumentalisieren die neue Sehnsucht nach Übersichtlichkeit, kultureller Homogenität und Rückkehr zur „Tradition“. Durch Gesellschaften – nicht nur in Europa, sondern ebenso in Trumps Amerika – verläuft ein tiefer Riss.

Das Ausstellungsthema und der Ort

Die XXIV. ROHKUNSTBAU-Ausstellung nimmt alarmierende gesellschaftliche Bruchstellen in den Blick, politische, soziale und kulturelle. Der britische Ausstellungskurator Mark Gisbourne hat wieder internationale Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich anlässlich des ROHKUNSTBAU Gedanken zu machen: über Fliehkräfte, aber auch über Möglichkeiten, Standpunkte jenseits von einseitigem Moderne- oder fragwürdigem Traditionsverständnis zu entwickeln. Der Ausstellungstitel „Achtung – Mind the Gap“ spielt auf warnende Ansagen in Bahnhöfen an, thematisiert aber zugleich die Klüfte und Risse in gegenwärtigen Gesellschaften. Austragungsort der internationalen Kunstausstellung mit neun Künstlern und Künstlerinnen und einem Duo ist zum zweiten Mal das Schloss Lieberose in Brandenburg.

Nilbar Güreş, Konzeptionelle Kunst installation, Fotographie, Skulptur und Video/Conceptual art installation, Photography, Sculpture and Video, 2018 Double Headed Snake: Queer Desire is Wild (Doppelköpfige Schlange: queeres Verlangen ist wild), 2015, Detail, handgefertigter Gürtel/Handmadebelt, 320 cm. Courtesy: die Künstlerin/the artist und/and Galerie Tanja Wagner Foto: Jan Brockhaus Copyright: HBS/Jan Brockhaus

Die Künstlerinnen und Künstler und ihre Arbeiten

Die in Australien aufgewachsene britische Video- und Installationskünstlerin Kate McMillan zeigt den im Schloss Lieberose gedrehten Kurzfilm „Instructions for Another Future“ mit zwei fiktiven Protagonistinnen, der eine Reflexion über Zeit, Erinnerung und verlorenes Wissen ist. Die Künstlerin begreift das einstmalige Landschloss im Landkreis Dahme-Spreewald als Sinnbild für das gegenwärtige Europa. Die alte Pracht ist noch zu erkennen, aber das Gebälk ist morsch, das Gemäuer rissig. McMillan setzt nostalgischen Vergangenheitsbildern eines vermeintlich übersichtlichen Lebens das Bild einer überaus komplexen, aber selektiv erinnerten Vergangenheit sowie die Wiedergewinnung verlorenen Wissens als möglichen Schlüssel für die Zukunft entgegen.

Laura Bruce ist in New Jersey geboren und in Georgia aufgewachsen, im sogenannten Bible Belt der USA, der heutigen Bastion der Trump-Stammwählerschaft. Die mit Graphit auf Papier gezeichneten Landschaften der Wahlberlinerin sind Auseinandersetzungen mit ambivalenten Erinnerungen an Topografien ihrer Kindheit. „In Europa dominieren altes Geld und Prestige. In den USA ist das Landbesitzerleben eher geprägt durch Armut und Kampf mit Naturgewalten: Tornados, Orkane, Fluten.“ (Bruce) In suggestiven Bildern fängt die Zeichnerin die Wucht ungezähmter Landschaften ein und strebt gleichzeitig eine visuelle Balance an.

Roman Korovin, Kaspar Loves Daiga, Raum-Installation/Site specific Installation 2018, Fotografie, C-Print, verschiedene Größen, Objekte (Acryl auf Leinwand), Eimer und Sound- Installation/Photography, c.print, dimensions variable, objects (acrylic on canvas), buckets and sound site specic Installation Holy Water 1 (Heiliges Wasser 1), C-print photograph, 200 x 150 cm, 2008 Courtesy: der Künstler/the artist Foto: Jan Brockhaus Copyright: HBS/Jan Brockhaus

Das Landschaftsthema greift auch die tschechische Bildhauerin und Fotokünstlerin Magdalena Jetelovà auf. Sie zählte zu den Pionieren technikbasierter Kunst in Tschechien. Im Schloss Lieberose gestaltet sie einen Raum als „befremdliche, fast kranke Landschaft“ (Jetelovà) aus Salzkristallen, UV-Licht und Laser-Zeichnungen.

Die Warschauer Künstlerin Zofia Kulik blickt verwundert auf das tief katholische polnische Hinterland, dessen Atmosphäre zunehmend auf das gesamte Land übergreift, und das der Großstädterin von Grund auf fremd ist. Bei ROHKUNSTBAU zeigt die Künstlerin einen großformatigen medienanalytischen Beitrag, bestehend aus schwarzweißen Aufnahmen von TV-Bildern, und umkreist Fragen nach kollektivem Bildgedächtnis, passivem Medienkonsum und der Wahrnehmung zugrundeliegenden, repetitiven Strukturen.

Der in Berlin lebende Brite Christopher Winter kombiniert mit Rekurs auf den Brexit traditionelle schottische Tartans, die Zugehörigkeit zu Clans signalisieren, mit dem extraterrestrischen Motiv eines Astronauten– und markiert damit zwei schwer zu überbrückende Welten.

Weitere Beiträge steuern die türkisch-kurdische Multimediakünstlerin Nilbar Güreş, die britische Bildhauerin Holly Hendry, der lettisch Künstler Roman Korovin, der deutsche Maler Martin Dammann und das Kollektiv GODsDOGs bei.

Kate McMillan, Instructions for Another Future (My Feet are Ears)/Anweisungen für eine andere Zukunft (Meine Füße sind Ohren), Film Still. Raum-Installation/Site specific Installation 2018, HD-Projection 5.48 min., Sound, luftgetrocknete Gipsobjekte, Hagstone, Metallic-Sprühlack, Beleuchtung /sound, air dried clay stones, hagstone, metallic spray paint, lighting Courtesy: die Künstlerin/the artist Foto: Jan Brockhaus Copyright: HBS/Jan Brockhaus

Die Organisatoren und vergangene Ausstellungen

Inka Thunecke, die Geschäftsführerin der Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg, die ROHKUNSTBAU veranstaltet, sagt: „Die Ausstellung ROHKUNSTBAU findet wiederum in Lieberose statt – einem Ort am Rande von Brandenburg nahe der Grenze zu Polen. Trotz Europa ist die Grenze zu Polen nicht überwunden, sondern die Distanz zum Nachbarland ist prägend und die historische Abgrenzung dominant. Sowohl die ansässigen Vereine als auch die Bürgermeisterin des Ortes sehen in der Ausstellung einen Anker für den Ort, den sie gerne erhalten wollen.“

ROHKUNSTBAU steht seit seiner Gründung 1994 für engagierte Förderung zeitgenössischer Kunst und Kultur und für die Wiederbelebung von Kulturstätten in den ländlichen Regionen Brandenburgs. Die jährlichen Ausstellungen versammeln zu aktuellen und gesellschaftlich relevanten Themen internationale Künstler und Künstlerinnen. Frühere „ROHKUNSTBAU“-Ausgaben waren Themen wie „Macht“ (2011), „Moral“ (2013), „Revolution“ (2014), „Apokalypse“ (2015), „Zwischen den Welten“ (2016) und „Die Schönheit im Anderen“ (2017) gewidmet. Wiederholt gastierte ROHKUNSTBAU mit einer Künstlerauswahl in Venedig im Rahmen der dortigen Kunstbiennale.

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Reflections: From Here to There

Opening: 29.06.2018, 18 – 21 Uhr
Laufzeit: 30.06.2018 – 08.09.2018

Gallery Taik Persons | Lindenstrasse 34 | 10969  Berlin

Rita Anttila, Elina Brotherus, Ulla Jokisalo, Anni Leppälä, Kukka-Maria Rosenlund, Miia-Mari Virtanen

Gallery Taik Persons freut sich darauf, in der kommenden Ausstellung Reflections: from here to there sechs Künstlerinnen zu präsentieren, die mit der Helsinki School
assoziiert werden und von 1995 bis heute einen Bogen über vier Generationen spannen.

Die Ausstellung ist ein sehr persönlicher Einblick in die Art und Weise, wie diese Künstlerinnen ihre Gefühle und Erinnerungen übersetzen und zu ihren eigenen Zimmern mit Aussicht machen.

Es wird gesagt, Rückblicke seien zu einhundert Prozent wahr, da wir unsere Erfahrungen nutzen, um etwas zu sehen, was für die Augen unsichtbar ist. In sich hineinzublicken und zu verstehen, was unser Wesen vom einen zum nächsten Moment ausmacht, ist die Herausforderung, der wir uns alle im Laufe des Lebens stellen müssen. Sich mit der Vergangenheit, Zukunft oder der Gegenwart auseinanderzusetzen, erfordert eine Sensibilität, durch die man einen ganz individuellen Prozess der Reife durchläuft um sich der eigenen Identität bewusst zu werden. Diese Ausstellung präsentiert sechs unterschiedliche Perspektiven, anhand derer deutlich wird, wie die ausgewählten Künstlerinnen das Konzept von Identität definieren.

Kukka-Maria Rosenlund, Conflicts Between Heart and Head, 2018, From the series Quiet Noise Pigment print, framed 38 x 32 cm © the artist, courtesy Gallery Taik Persons

Für Elina Brotherus, die wahrscheinlich renommierteste finnische Fotografin ihrer Generation, war ihr eigener Körper während ihrer gesamten Karriere Ausgangspunkt für ihre Arbeiten, in denen sie ihre Stärken und Verletzlichkeiten beleuchtet, um sich so mit verschiedenen Lebensphasen auseinanderzusetzen.

Miia-Mari Virtanen andererseits, nutzt ihren Körper als eine Plattform, auf der sie die Vergänglichkeit des Seins untersucht. Denn Virtanen setzt sich mit medizinischen
Datensätzen auseinander, um die elektrischen Signale, die einen Herzschlag auslösen, zu erforschen und zu visualisieren. Kukka-Maria Rosenlunds Arbeiten sind Zeitreisen. Rosenlund interessiert sich für sichtbare und unsichtbare Welten und deren Grenzen, mit dem Ursprung in ihrer eigenen Familiengeschichte als kollektives Gedächtnis. Rita Anttilas Blickwinkel wiederum, der sich auf den schmalen Grad zwischen den Fragen wer sie ist, wo sie herkommt und wo sie hin möchte, konzentriert, lässt sich weitaus mehr als ein Gedicht und weniger als Fotografin verstehen. Anni Leppälä hat einen ähnlichen Ansatz, der sich jedoch ganz anders artikuliert, wenn es darum geht, wie sie ihre eigene Geschichte neu erfindet. Bildhaft entfaltet Leppälä die Vergangenheit des weiblichen Teils ihrer Familie. Durch die Auseinandersetzung mit über Generationen vergessener Kleidung oder Spielzeugen, indem sie sich mit den Häusern Ihrer Vorfahren befasst, legt sie deren Geschichten offen und positioniert sich selbst im Lauf der Zeit.

Elina Brotherus, Model Study 2, 2003, From the series Model Studies, Archival pigment print, framed 80 x 102 cm, edition of 6 + 2 AP © the artist, courtesy Gallery Taik Persons

Schlussendlich wird die Arbeit einer der inspirierendsten Künstlerinnen präsentiert, die auf ihre eigene Art und Weise alle Obenstehenden im Laufe ihrer bis jetzt vierzigjährigen Karriere beeinflusst hat. Ulla Jokisalo, die für viele die Louise Bourgeois der nordischen Region ist, erzählt Geschichten, indem sie ausgehend von ihren frühesten Erinnerungen bis in die Gegenwart die verschiedenen Stereotypen, nach denen Frauen porträtiert werden, definiert und sich gegen sie auflehnt.

Alle diese Künstlerinnen realisieren sehr poetische Projekte, die uns zeigen wie es aussieht, wenn Erwartung und Reflexion von innen nach außen betrachtet werden.

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Künstler Komplex. Fotografische Porträts von Baselitz bis Warhol. Sammlung Platen

Opening: 28.06.2018, 19 Uhr
Laufzeit: 29.06.2018 – 07.10.2018

Museum für Fotografie | Jebensstraße 2 | 10623 Berlin

Anhand von rund 180 Arbeiten der Jahre 1917 bis 2000 zeigt die Ausstellung nicht nur die Vielfalt fotografischer Künstlerporträts, sie lässt auch die Kunst- und Künstlergeschichte des letzten Jahrhunderts Revue passieren. Berühmte aber auch wenig bekannte Fotografinnen und Fotografen, darunter Berenice Abbott, Brassaï, Henri-Cartier Bresson, Helga Fietz oder Jérôme Schlomoff sind mit ikonischen Porträts von Pablo Picasso und Salvador Dalí über Frida Kahlo und Andy Warhol bis hin zu Jeff Koons und Marina Abramović vertreten. Die Werke stammen aus der Sammlung Angelika Platen.

Ken HeymanRoy Lichtenstein, 1964© Ken Heyman

Der Begriff des Künstlers wird häufig mit Genialität, Einfallsreichtum und Gestaltungsfreiheit verbunden, während Carl Gustav Jung den Begriff „Komplex“ als ein Gefüge von Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen definiert, das sich um einen bedeutenden Zusammenhang in der Psyche gruppiert und das Denken und Handeln bestimmt. Die Ausstellung verbindet beide Begriffe und untersucht den Künstler als eine aus bestimmten Vorstellungen und Motiven zusammengefügte bildliche Erscheinung – exemplarisch manifestiert im fotografischen Porträt

Die Fotografin Angelika Platen – selbst eine bedeutende Künstlerporträtistin – hat die vielfältigen Formen des fotografischen Künstlerbildnisses in einer umfangreichen Sammlung vereinigt. Rund 180 Exponate daraus werden im Sommer 2018 im Museum für Fotografie zu sehen sein. Die Schau fächert tradierte ebenso wie experimentelle Facetten des Künstlerporträts auf. Arbeiten von Berenice Abbott, Brassaï, Henri-Cartier Bresson, Gisèle Freund, Heinz Hajek-Halke und Arnold Newman sind neu zu entdecken neben weniger bekannten Fotografinnen und Fotografen wie Helga Fietz, Hildegard Heise oder Jérôme Schlomoff, die mit ihren ikonischen Bildnissen von Georg Baselitz, Jean-Michel Basquiat, Max Beckmann und Ernst Wilhelm Nay in die Fotografiegeschichte eingegangen sind. Gleichzeitig werden außergewöhnliche Künstlerbildnisse vorgeführt, die das repräsentative Porträtformat konterkarieren, etwa Christopher Makos’ transvestitische Aufnahmen von Andy Warhol.

Künstler Komplex – Fotografische Porträts von Baselitz bis Warhol. Sammlung Platen Ausstellungsansicht Museum für Fotografie 2018© Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

In drei Sektionen bietet die Ausstellung gleichsam einen Einblick in die Köpfe der unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten: Die erste Sektion Persona thematisiert das Gesicht, das nach außen hin gezeigt wird. Mit den Attributen Pinsel, Palette oder Kamera ausgestattet und in festgelegten Posen präsentieren sich Künstler wie George Grosz oder Joan Miró im Atelier bei der Arbeit. Eine wesentliche Rolle spielen dabei Selbstbildnisse wie z.B. von Edward Steichen oder Florence Henri. Weiter spannt die Sektion einen Bogen zu Verkleidungen und Karikaturen in Aufnahmen von Wols, Otto Dix oder Salvador Dalí.

Als grundlegendes Antriebsmoment steht die Kreativität im Zentrum der zweiten Sektion der Ausstellung. Zu sehen sind in den Schaffensprozess vertiefte Künstlerinnen und Künstler, leere Ateliers sowie fotografische Spiegelungen und Verzerrungen. Ausgewählte Gemälde, Skulpturen und Grafiken der Klassischen Moderne ermöglichen einen einzigartigen Blick auf die Wechselwirkungen zwischen Fotografie und bildender Kunst.

Jérôme Schlomoff, Georg Baselitz, 1989© Jérôme Schlomoff, 1988

Die dritte Sektion Pygmalion bezieht sich auf den Mythos des antiken Bildhauers. Er steht in der Kunstgeschichte allegorisch für den Schaffensprozess, wobei Pygmalion als Ideal des Künstlers schlechthin gilt. Ausgehend von dem durch Robert Doisneau in Szene gesetzten Bildhauer Charles Despiau stehen hier Künstlerinnen und Künstler wie Alberto Giacometti, Georgia O’Keeffe, Günther Uecker oder Jeff Koons mit ihren Arbeiten im Vordergrund. Dabei fungieren diese Kunstwerke als Sinnbilder ihres Schöpfergeistes.

„Künstler Komplex. Fotografische Porträts von Baselitz bis Warhol” wird großzügig gefördert durch die Sparkassen-Finanzgruppe, Hauptförderer der Staatlichen Museen zu Berlin.

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Qin Yufen. L E B E N

Opening: 28.06.2018, 19 Uhr
Laufzeit: 29.06.2018 – 26.08.2018

Schwartzsche Villa | Grunewaldstraße 55 | 12165 Berlin

Die aktuelle Ausstellung der international renommierten chinesischen Gegenwartskünstlerin Qin Yufen (*1954) in der Schwartzschen Villa präsentiert zwei neue Installationen, welche in speziellem Bezug zum Präsentationsort stehen und aus Qins Werk bekannte Materialien wie Bambus, Stacheldraht und Seide aufweisen, wie sie derzeit u.a. in ihrer Arbeit „Making Paradise“ im Museum Hamburger Bahnhof zu sehen sind.

Making Paradise, Ausstellungsansicht, Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Berlin, 1996-2002 Foto: Qin Yufen

Den Hauptteil der Schau bildet eine raumgreifende Installation aus Bambusrohren, um die Seidenbahnen drapiert sind. Die Seide ist mit Stacheldrahtzuschnitten ornamentiert. Die Musterung des seidenen Stoffs durch Stacheldraht offenbart sich erst beim näheren Hinsehen und mahnt damit an die alltägliche Gefahr und potentielle Omnipräsenz politischer oder gesellschaftlicher Gewaltkonflikte. Die Alltäglichkeit von Bedrohung erschließt sich im zweiten Ausstellungsteil auch durch die Gewöhnlichkeit der als scheinbar einfache Vorhänge verwendeten Seiden und durch die Ortsspezifik in ehemaligen Wohnräumen einer vormalig privaten Steglitzer Sommerresidenz. Die Verwendung von Bambus, der im Heimatland der Künstlerin vielseitig gebraucht wird, präsentiert neben der rein ästhetischen Ebene erneut den Aspekt der Alltäglichkeit. Der für Qin Yufens Werk typische Aspekt der Kombination starker Kontraste wird in dieser Arbeit, die sich mit dem Thema Gewalt in Politik und Gesellschaft auseinandersetzt, durch die Materialien Seide und Stacheldraht verwirklicht. Dabei weisen die Installationen durch den seiden-leichten Stoff mit der subtilen Ornamentik der schimmernden Stacheldrahtfragmente und den langen robusten Bambusröhren einerseits die grazile Luftigkeit des Frühwerks, andererseits den Spannungsreichtum der Werke seit der Jahrtausendwende auf.

Wir wünschen ein schönes ARTWEEKEND!

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