ARTWEEKEND TIPS – Woche 30/2018

The Drake Equation, Robert Morat Galerie  // Mensch-Maschine, Galerie für moderne Fotografie  // Where Love is Illegal, f³ – freiraum für fotografie  //  EDEN, KÖNIG GALERIE  //  Five Elements, Galerie Kuchling


The Drake Equation
Andrew Phelps & Paul Kranzler

Laufzeit: 26.05.2018 — 28.07.2018

Robert Morat Galerie | Linienstraße 107 | 10115 Berlin

Die „National Radio Quiet Zone“ wurde in den 50er Jahren im US-Bundesstaat Virginia eingerichtet. Dort werden weder Radio- noch TV-Sedungen ausgestrahlt und Handys funktionieren auch nicht – keine Funkwelle soll die grotesk anmutenden, riesigen Teleskope bei ihrer Suche nach Spuren außerirdischen Lebens stören.

Green Bank Telescope, Green Bank WY, 2015, 80×80 cm ©Andrew Phelps Paul Kranzler

Die Fotografen Andrew Phelps und Paul Kranzler besuchen einen Ort, an dem eine skurile Mischung von Menschen zusammen lebt: Die ländliche Bevölkerung einer Provinz-Kleinstadt, die hochspezialisierten Wissenschaftler der Forschungsstation und Stadtbewohner auf der Flucht vor elektromagnetischen Feldern, elektrosensible Zivilisationsflüchtlige.

„Ich denke, dass es bei der fotografischen Arbeit, die Sie jetzt in Ihren Händen halten, um viele Dinge geht, um Zeit und Wissenschaft und Technik und Natur. Für mich jedoch ist es im Wesentlichen eine Arbeit über Amerika“, schreibt Alard von Kittlitz im begleitenden Text zum Buch, das bei Fountain Books Berlin erschienen ist.

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Mensch-Maschine
Ludwig Schirmer

Laufzeit: 08.06.2018 – 28.07.2018

Galerie für moderne Fotografie | Schröderstraße 13 | 10115 Berlin

Eine Frau steht in einem Feld aus Stahlkörpern. Ein Mann sitzt zwischen übergroßen organisch geformten zylindrischen Körpern. Ein anderer schraubt an einem riesigen Strahlrad, ein weiterer befindet sich als kleiner Punkt inmitten dieses gewaltigen Rades. Beim Betrachten diese Bilder ist man vielmehr an die utopischen Szenen aus Fritz Langs „Metroplis“ erinnert und hat weniger das eigentliche Geschehen vor Augen: den spröden Alltag in den Fabriken der DDR.

Mit der nahezu filmischen Inszenierung der Maschinen hat Ludwig Schirmer Bilder aufgenommen, die Rätsel aufgeben. Wer beherrscht hier wen? Haben die Maschinen die Kontrolle über die Menschen erlangt?

Fast scheint es, als würden die Personen neben den Metall-, Stahl- und Eisenkonstruktionen nur noch bloßes Beiwerk sein. Auf einigen Bildern wirken die Frauen und Männer abwesend bis apathisch, auf einigen anderen scheinen sie mit ihrem Arbeitsgerät zu verwachsen. Trotzdem sind die Personen nicht wegzudenken. Die Spannung der Bilder wird vor allem durch der Beziehung zwischen Mensch und Maschine erzeugt. Dieses Zusammenspiel setzt Schirmer auch durch die künstliche Beleuchtung perfekt in Szene.

Galerie für moderne Fotografie, Berlin, Ludwig Schirmer, Mensch Maschine ©Ludwig-Schirmer

All diese Fotografien sind zwischen den 1960er- und 1970er-Jahren in den unterschiedlichsten Betrieben in der DDR entstanden. Die Aufnahmeorte sind nicht mehr eindeutig zu rekonstruieren, reichen jedoch von Fabriken der Schwerindustrie bis zur Verarbeitungsindustrie.

Ludwig Schirmer (1929 – 2001) arbeitete in der DDR als erfolgreicher Werbefotograf. Zur Fotografie kam er über Umwege: Als gelernter Müllermeister eignete er sich das Fotografieren im Selbststudium an. Später erhielt er zahlreiche Aufträge von großen Messen, Außenhandelsfirmen und Industriekombinaten. Vermutlich hatte er durch seine Tätigkeiten in der Werbebranche Zugang zu den ansonsten nicht öffentlichen Industriebetrieben.

In der DDR stand der gesamte Wirtschaftssektor, also auch alle Industriebetriebe, unter staatlicher Kontrolle. Alle Produktionsmittel und Erzeugnisse waren staatliches Eigentum. In Schirmers Bildern spielt das jedoch keine große Rolle. Ihn interessierten vor allem die Form und die Ästhetik der Maschinen und Produkte. Lediglich eine Detail verrät etwas über die Arbeitswelt im realsozialistischen Staat: Der außerordentlich hohe Anteil an in der Industrie arbeitenden Frauen. Dieser lag 1970 in der DDR bei 41 %.

Ludwig Schirmers Schwarz-Weiß-Fotografien erinnern teilweise auch an die sozialdokumentarische Fotografie. Diesen Anspruch hatte er mit diesen Bildern jedoch nicht. Weder wollte er den Zustand der Fabriken aufzeigen, noch ein Porträt über die Arbeiterinnen und Arbeiter anfertigen. Auch war Schirmer kein Pressefotograf. Die filmische Inszenierung der Bilder beweist das. Sein Interesse galt im Wesentlichen der Suche nach dem bestmöglichen Foto.

Galerie für moderne Fotografie, Berlin, Ludwig Schirmer, Mensch Maschine ©Ludwig-Schirmer

Ergänzend zu inszenierten Fabrikaufnahmen ist eine kleine Auswahl an Porträtfotografien zu sehen. Hier steht der Mensch in seiner Rolle als Arbeiter oder Arbeiterin im Mittelpunkt. Die Personen sind in ihrem direkten Arbeitsumfeld in Szene gesetzt. Ähnlich wie August Sanders Gesellschaftsporträts aus dem frühen 20. Jahrhundert handelt es sich bei diesen Aufnahmen um typologische Studien, die viel mehr über gesellschaftliche und politische Umstände, als über Persönlichkeit oder Charaktermerkmale des Einzelnen erzählen.

Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien aus den Industriebetrieben waren lange unbekannt. Seine Tochter Ute Mahler – ebenfalls Fotografin – entdeckte diese erst nach seinem Tod. Zusammen mit unzähligen anderen Fotografien befanden sich diese Aufnahmen auf Negativfilmrollen und Großformat-Negativen , wovon Ute Mahle neue Abzüge anfertigte.
Die „Galerie für moderne Fotografie“ konnte bereits zwei Ausstellungen über Ludwig Schirmer in den Räumen der Central Gallery Berlin präsentieren: „Die Allee. Fotografien von Ute Mahler und Ludwig Schirmer“, 2015 sowie „Das Baukastensystem. Fotografien von Ludwig Schirmer“, 2017.

Text: Cornelia Siebert


Where Love is Illegal
Robin Hammond

Laufzeit : 22.06.2018 – 02.09.2018

f³ – freiraum für fotografie | Waldemarstraße 17 | 10179 Berlin

Die Akzeptanz von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgender und intersexuellen Menschen (LGBTI) hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich erhöht. Nach wie vor aber werden in 72 Staaten dieser Welt Menschen, deren sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität nicht der Norm entsprechen, strafrechtlich verfolgt. Die Brutalität ist schockierend: Geldstrafen, Gefängnis, Folter – in einigen Fällen auch die Todesstrafe – stehen auf der Agenda der täglichen Unterdrückung.

©Robin Hammond/NOOR, from/aus: Where Love is Illegal

Mehrere Jahre reiste der international ausgezeichnete Fotograf Robin Hammond – Mitglied der Amsterdamer Agentur NOOR – durch Länder, in denen LGBTI Menschen verfolgt und bedroht werden. Entstanden sind hunderte Porträts von Menschen, die – offen oder im Geheimen – ihre Identität täglich neu verteidigen müssen, oft unter Gefahr für Leib und Leben.

Aufgenommen hat Robin Hammond seine eindrücklichen Porträts auf Polaroid-Film, der ihnen eine eigene, fast surreale und traumhafte Bildästhetik verleiht. Durch die Aufnahmetechnik, die behutsame Annäherung an seine ProtagonistInnen und den Umgang mit dem avaliable light ist Where Love is Illegal nicht nur ein unschätzbares Dokument unserer Zeit, sondern demonstriert auch die außerordentliche Fähigkeit zur künstlerischen Ausdrucksform des Fotografen.

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EDEN
SABINE MORITZ

Laufzeit: 14.07.2018 –  19.08.2018

KÖNIG GALERIE | Alexandrinenstr. 118- 121 | 10969 Berlin

KÖNIG GALERIE freut sich, die erste Einzelausstellung mit Ölgemälden von Sabine Moritz in Berlin zu präsentieren. EDEN stellt neben gegenständlichen Gemälden vor allem die jüngsten abstrakten Arbeiten der Künstlerin in den Mittelpunkt. Die Werke erkunden malerisch Themen wie Wahrnehmung, Erinnerung und Vergänglichkeit.

Die Ausstellung gibt zugleich einen Überblick über mehrere Werkgruppen der Künstlerin. So sind ihre frühen Arbeiten über die Kindheitserinnerungen an Lobeda im Bild Tunnel weitergeführt. Neuland ist eines ihrer Gemälde nach Pressefotografien, das hier die Wiederaneignung der Stadt Pribyat bei Tschernobyl durch die Natur zeigt. Aus der über die Jahre kontinuierlich weitergeführten Serie der Blumenstillleben sind Rosen und Schädel, Peonien und Mäuse sowie Rosen und Lilien gezeigt. Zu ihren Stillleben sagt Moritz: »Ich zeichne oder male oft Blumen, die ich in meinem Atelier habe — das Bild dieser Blumen ist eine Darstellung der Gegenwart, in der man sich wie in einer Art Tagtraum an etwas Fernes erinnert.«

Exhibition View, Eden, 2018; Photo: Roman März

Zwischen den Blumenstillleben und abstrakten Gemälden lassen sich trotz der auf den ersten Blick unterschiedlichen Sujets Gemeinsamkeiten finden. In ähnlicher Weise, wie die Stilleben einen Augenblick auf Leinwand festhalten, halten die abstrakten Werke jeweils ein Zusammenspiel von Farbe und Duktus im Malprozess fest, das sich von keinem Gemälde zum anderen genauso wiederholen lässt. Die Ausstellung konfrontiert uns so auf vielfältige Weise mit der Zerbrechlichkeit und Flüchtigkeit der Zeit. Die roten Farben auf Eden (2018) erinnern an Blüten eines Blumenstrauches, doch lassen sich die Formen nicht festlegen. Regen, Sterne, Granit, Glut und See (2018) sind fünf ungegenständliche Darstellungen, die mit pastosem Farbauftrag und leuchtenden Ölfarben gemalt wurden. Die Titel verknüpfen die Bilder assoziativ mit Themen der Natur. Als die Säugetiere ins Meer kamen (2018) bezieht sich auf einen weniger bekannten Teil der Evolutionsgeschichte, während Chaos (2018) eine kosmologische Konnotation hervorruft. Eden gibt der Ausstellung ihren Titel und ist ein abstraktes Diptychon, das auf kulturelle Vorstellungen eines utopischen und zugleich verlorenen Paradieses verweist. Die neuen abstrakten Gemälde von Sabine Moritz öffnen so ein weites Spektrum vom autonomen Farbauftrag bis hin zur Assoziation von vielfältigen inneren Bildern. Der Betrachter sieht sich vorübergehend einem energiegeladenen Bewegungsfeld gegenüber.

Exhibition View, Eden, 2018; Photo: Roman März

Sabine Moritz lebt und arbeitet in Köln. Sie wurde 1969 in Quedlinburg geboren und noch vor dem Fall der Mauer emigrierte sie mit ihrer Familie nach Westdeutschland. Sie studierte an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach sowie der Kunstakademie Düsseldorf. Moritz’ Arbeit ist weithin ausgestellt worden. Zu Ihren jüngsten Einzel- und Gruppenausstellungen gehören: Age of Terror – Kunst seit 9/11 (2017) im Imperial War Museum in London, UK; Neuland (2017) in der Kunsthalle Bremerhaven; Dawn (2016) in der Marian Goodman Gallery in Paris, Frankreich; Blumen, Masken, Schädel (2016) in der Galerie Haas in Zürich, Schweiz; und Harvest (2015) in der Pilar Corrias Gallery in London, UK. Moritz’ Werke sind in zahlreichen privaten und öffentlichen Kunstsammlungen vertreten, unteranderem in der Tate Modern in London, UK; Sammlung Deutsche Bank, Frankfurt am Main; Städtische Galerie im Lenbachhaus, München; Sammlung Faber-Castell, Nürnberg; und Von der Heydt-Kunsthalle, Wuppertal in Deutschland.

Text: Katerine Niedinger und Steffen Haug

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Ying-Tung Tseng – Five Elements

Laufzeit: 24.07.2018 – 01.08.2018

Galerie Kuchling | Karl-Marx-Allee 123 | 10243 Berlin

,,Ich denke, dass Kunst und Leben dasselbe sind. Und eindrucksvolle Kunstwerke entstehen durch ein eindrucksvolles Leben. Künstler sind wie ein Sprachrohr – sie finden heraus, was in der Gesellschaft passiert und erzählen es mithilfe ihrer Kunstwerke. Manchmal sagen Künstler etwas, das einige Menschen vermeiden auszusprechen, aber sie, die Künstler, können es durch ihre Kunstwerke mitteilen. (…) Das Teilen von Energie ist mein Hauptthema seit vier Jahren. Ich denke, dass es ein fortwährender Prozess ist. Je mehr du teilst, desto mehr wird es. (…)
Für mich sind Geld und Liebe ähnlich. Sie müssen verwendet werden. Geld ist nichts wert, wenn man es nicht benutzt. Liebe ist genauso wenig von Wert, wenn wir sie nicht aussprechen (…) Für Künstler geht es immer ums Teilen; teilen, was sie angesichts der Welt sehen und fühlen, das Gute sowie das Schlechte. Das macht uns zu Künstlern.” (Ying-Tung Tseng)

Ying Tung Tseng, Five Elements, 2015 Mischtechnik, jeweils ca. 40x40cm

 Ying-Tung Tsengs (*1953 Tainan) serielle Arbeiten sind geprägt vom Taoismus sowie von der Liebe des Künstlers zu seiner Heimat Taiwan. Seine plastischen Gemälde besitzen eine raue, reliefhafte Oberfläche, die an Stein oder unbearbeitetes Metall erinnert. Wenn Ying-TungTseng als Kind durch die Straßen von Tainan streifte, ließ er seine Hände oft über die grob behauenen Festungs mauern der Stadt gleiten-von dieser Erinnerung leben seine Arbeiten bis heute. Die organisch anmutende Oberfläche seiner Werke bearbeitet der Künstler in kräftigen erdigen Farben und akzentuiert dabei einzelne sorgsam als Relief ausgeführte Details, die häufig naturnahe Symbole zeigen. Das Ergebnis sind poetische und in sich konzentrierte dreidimensionale Gemälde, die eine geheimnisvolle Aura besitzen und ganz in sich zu ruhen scheinen. Ihre innere Gelassenheit und Harmonie geben sie an den Betrachter weiter.
Ying-Tung Tseng hat zunächst Bildende Kunst an der National Taiwan Normal University (NTNU) studiert und schloss dann mit dem Master of Fine Art  an der New York University ab. Heute lehrt er u. a. im Bereich Architektur und Innendesign an der Shu-Te University. 2015 schloss er den Bau seines Asir Art Museums in Tainan ab, in dem er neben eigenen Werken zahlreiche nationale und internationale Künstler/innen präsentiert und sich für einen weltweiten künstlerischen Austausch mitTaiwan engagiert. Die Werke von Ying-TungTseng wurden vielfach ausgezeichnet und gehören u. a. zur Sammlung des Provinzmuseum Liaoning, China.
An die Pop-up-Ausstellung schließt sich im Frühjahr 2019 eine reguläre Einzelausstellung und eine noch engere Zusammenarbeit mit Ying-Tung Tseng an.

Wir wünschen ein schönes ARTWEEKEND!

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