ARTWEEKEND TIPS – Woche 33/2018

Wanda Stolle passing , REITER Galerie // Max Liebermann und Paul Klee Bilder von Gärten, Liebermann-Villa am Wannsee // Peter Hock, DE Epic Orgustation, Josef Filipp Galerie // A Polaroid for a Refugee (APfaR), coGalleries // Gerhard Richter. Abstraktion, Museum Barberini


Wanda Stolle
passing

LAUFZEIT: 27.04. – 18.08.2018

REITER Galerie | Potsdamer Straße 81b | 10785 Berlin

Wanda Stolles Werke sind Hybride aus Zeichnung und Objekt. Die großen Wandobjekte gebärden sich wie überdimensionale Papierbögen, die kleineren Zeichnungen hingegen muten skulptural an. Gemeinsam ist allen Werken die Ausdifferenzierung der Grautöne: von monochromen Flächen über das eingearbeitete Spiel mit Linien und Perspektiven, von weicher, diffuser Wolkigkeit bis zu harten Schnitten. Streng geometrische Formen antworten bei Stolle auf virtuose Schwünge und Kurven, der Kontrast von Schwarz an Weiß belebt die überaus lebendigen Zwischentöne in sensibel abgestimmten Graustufen.
Die Wandobjekte aus großen Flugholzplatten und in kraft- und zeitaufwändiger Arbeit in ihre Biegungen gezwungen, außen weiß gekalkt und innen graphitbeschichtet, sind wie in der Form angehaltene Bewegungen, einem fallenden Tuch gleich, scheinbar zufällig. Die helle Leichtigkeit des äußeren Anscheins und die tiefe Schwärze im Inneren begleiten den Betrachterblick über Bögen, Schwünge, Faltung und Entfaltung. Die Polarität von Schwarz und Weiß erzeugt die Ambivalenz von Vorder- und Rückseite und spielt mit der Doppelsinnigkeit des „leeren Blattes“. Unbeschrieben und doch voller Potenzial neigen sich die Objekte zum Betrachter, sinnlich und provokativ zugleich.

»passing« Ausstellungsansicht REITER | Berlin prospect

Auf den Zeichnungen erarbeitet Wanda Stolle mit hartem Werkzeug eine erhabene Wirkung. Die Kreise, Quadrate, Winkel, auch beunruhigende Schräglagen, Keile, Trapeze und Symmetrien muten fast plastisch an in der provozierten Materialität der Oberflächen. Es gibt Schraffuren, Einritzungen, Abschabungen und die geöffneten Flächen zeigt sie pur oder erhöht durch Farbschichten aus unikatem Malmittel (Schellack, Tusche u.a.). Die dabei entstehende Haptik des Papiers schafft Bildsegmente, mit denen sie die traditionellen grafischen Grundsätze durchkreuzt.
Die große, wandfüllende Papierarbeit „Granulation“ hingegen erzeugt durch lichtes Rauschen von aufgetuschten kleinförmigen Bewegungen ein luftiges Gewebe, das sich im Licht flimmernd bewegt.
Stolle bietet keine konkreten Ansichten oder Bildzusammenhänge, sie schafft neue Artefakte. Unabhängig von Raum und Zeit lösen sie sich nicht auf wie Bilderrätsel und schlagen keine verbindlichen Referenzebenen vor sondern behaupten souverän ihr Dasein als Kunstdinge.

»Orbit« 2017, Tusche auf Aquarellpapier, 130 x 97.5 cm

 

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Max Liebermann und Paul Klee
Bilder von Gärten

LAUFZEIT: 10.06. – 17.09.2018

Liebermann-Villa am Wannsee | Colomierstraße 3 | 14109 Berlin

Max Liebermann schuf über 200 Gemälde nach Motiven aus seinem eigenen Garten. Die mit pastosem, impressionistischem Strich gemalten Werke prägen das Spätwerk des Künstlers. Anders als der langjährige Präsident der Berliner Secession glaubte, stellte der Impressionismus allerdings keineswegs den Endpunkt der künstlerischen Entwicklung dar. Zeitgleich zu seinem Spätwerkdefinierten moderne Künstler das Thema Garten neu.

Insbesondere für Paul Klee war die Natur ein entscheidender Ausgangspunkt seiner Kunst. Schon der elterliche Garten war für ihn Inspirationsquelle und Rückzugsort. Hier beobachtete er als Jugendlicher die Pflanzen und zeichnete sie. Auf Wanderungen skizzierte er Blumen und parkähnliche Landschaften. Doch schon bald genügte ihm die Darstellung ihrer optischen Erscheinungsformen nicht mehr und er wandte sich, um ihr Inneres zu erfassen, der abstrakten Bildkomposition zu, in der das Gegenständliche nur noch zeichenhaft aufscheint. Klees Garten-Bilder werden zu abstrakt gebauten Bildkompositionen, in denen geometrische Formen mit zeichenhaften Setzungen verbunden sind, die als schematische Wiedergabe von Pflanzen und Gartenarchitektur zu lesen sind: eine bogenförmige Linie, die ein Gartentor evoziert; parallele Linien, die an Beete oder Wege erinnern, oder stilisierte Baumsilhouetten, die für üppige Vegetation stehen.

Zwischen Liebermanns und Klees Gartenbildern liegen Welten: hier Abstraktion, dort impressionistische Form. Umso überraschender ist es, dass beider Werke aus ein und derselben Zeit stammen, aus der Zeit zwischen 1915 und 1935.

Die Ausstellung „Max Liebermann und Paul Klee – Bilder von Gärten“ stellt die Gartenbilder der beiden Künstler gegenüber und macht die spezifischen Formensprachen der beiden Künstler in ihrer Auseinandersetzung mit ihren Gärten erkennbar.

Beide Künstler stehen sich über das bloße Thema hinaus bei den gegenständlichen Bildelementen und in der Fundierung ihrer ästhetischen Überlegungen nahe. So definieren beide das Thema Garten durch dieselben gegenständlichen Bildelemente (Beete, Tore, Bäume, Mauern) und verstehenden ihn als architektonisch gestaltete Natur. Beide Künstler beziehen sich darüber hinaus bei der Erläuterung ihrer künstlerischen Form auf die Schriften Goethes und gehen durchaus von einem ähnlichen Naturbegriff aus.

Die Ausstellung findet statt unter der Schirmherrschaft von Christine Schraner Burgener, em. schweizerische Botschafterin in der Bundesrepublik Deutschland, nun UNO-Sondergesandte für Myanmar.

© Paul Klee / Museum Würth, Künzelsau

 

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Peter Hock, DE
Epic Orgustation

LAUFZEIT: 21.07. – 25.08.2018

Josef Filipp Galerie | Spinnereistraße 7  | 04179 Leipzig

In seinen neuen Werken setzt Peter Hock die Übertragung verschiedener Oberflächen und deren Eigenschaften sowie anderer komplexer Strukturen in monochrome, großformatige Kohlezeichnungen fort. Minutiös und verblüffend realistisch bildet Hock glatte wie raue, unruhige und organische Oberflächen und Strukturen in zum Teil übergroßen Formaten ab. Diese Nahansichten konfrontieren über ihre zuweilen enormen Proportionen, die sowohl das Blickfeld irritierend beanspruchen und abstrakte Qualität erhalten. Die Abwesenheit von Farben und Stärke von Kontrasten, aber auch Schwärze und Licht spielen mit der Ambivalenz zwischen wissenschaftlicher Abbildung und mystischer Entrückung.

Peter Hock 2016, Reißkohle auf Papier, 130 x 100 cm

Repräsentationen von monumentaler Größe auf mal völlig dunklem, mal abstrakt hellem Hintergrund: In seiner ihm eigenen Bildsprache bringt uns Peter Hock Alltagsobjekte, Pflanzengewirr und organisches Material buchstäblich vors Auge und erschafft so Abstraktionen, die faszinieren und zum Erkunden ihrer Eigenschaften genauso wie ihrer Referenz inspirieren. Dem Künstler scheint es jedoch mehr um das Verborgene zu gehen, dass sich nicht mehr genau fassen lässt und stattdessen Möglichkeiten der Assoziation und vor allem der Imagination zu geben. Die Imagination des Betrachters ist hier ebenso positive Kraft wie die des Künstlers. Jedes Bild von Peter Hock zeigt ein völlig anderes Arrangement der Dinge hin zu jenem, dass als monumentales Close-Up die Assoziationen zum Wirbeln bringt.
—Philipp Anders

Peter Hock 2017, Reißkohle auf Papier, 240 x 150cm

 


A Polaroid for a Refugee (APfaR)

OPENING: 15.08.2018, 19 – 22 Uhr
LAUFZEIT: 16.08. – 21.08.2018

coGalleries | Torstraße 170 | 10115 Berlin

Ein Polaroid für einen Flüchtling. Die Polaroids spiegeln die innere Stärke und Würde von Flüchtlingen, während ihrer langen und grauenvollen Flucht wieder. Für jedes Polaroidbild, das ich von einem Refugee mache, gebe ich ein Weiteres als Erinnerung an den Moment an sie/ihn zurück. Auf der Rückseite steht ein einfacher Text: „Wohin Deine Reise auch gehen mag – sag mir Bescheid, wenn du meinst, einen sichern Ort erreicht zu haben.“ Dies ist eine Botschaft der Hoffnung, die – traurigerweise – für einige niemals in Erfüllung gehen wird. Alles fing 2015 an, nachdem ich monatelang Zeitung gelesen habe, TV Berichte geschaut und verschiedenen Meinungen zur Flüchtlingskrise in Europa zugehört habe, dass ich den Drang verspürte, vor Ort zu sein und mit eigenen Augen zu sehen und zu verstehen.

© Giovanna Del Sarto

Mein Ziel war es als Freiwilliger, die flüchtenden Menschen zu verstehen und ihnen Nahe zu kommen. Seit Oktober 2015 habe ich verschiedene Orte besucht, inklusive Presovo in Serbien, wo ich als „Volunteer of Presovo“ im Informationszelt (der ersten Anlaufstation für neu ankommende Flüchtlinge) gearbeitet habe. Lesvos (eine der griechische Inseln, die der türkischen Küste am Nächsten sind), wo ich Nachtwachen als Teil der norwegischen NGO „A Drop in the Ocean“ war; Athen und Idomeno, wo die humanitäre Krise am greifbarsten war, und Chios, einer Insel nur ein paar Kilometer von der türkischen Küste entfernt. An all diesen Orten hatte ich meine Polaroid Kamera dabei, und es war während meines ersten Trips, dass ich „Ein Polaroid für einen Flüchtling“ ins Leben gerufen habe. Das Konzept des Projektes basiert auf dem Akt des Gebens, um den Flüchtlingen etwas zurückzugeben: Genau diesen einen Moment in ihrem Leben und ihrer Flucht für immer fotografisch festzuhalten. Jeder, den ich fotografiert habe, hat jetzt ein Polaroidbild. Ich liebe diese Idee, dass sie sich eines Tages in der Zukunft diese Bilder anschauen können. Die Portraits sind Familienportraits sehr ähnlich, die entspannte und sorglose Haltung kratzt nur an der Oberfläche der Leben dieser Flüchtlinge. Dennoch entsteht der Wert daraus, dass sie einen Moment lang aus dem Horror des täglichen Lebens aussteigen können, und es als Erinnerung auf ihren weiteren Reisen mitnehmen können. Jeder wollte ein Foto haben, aber aus verschiedenen Gründen: Die jungen Männer liebten es zu posieren, die Mütter wollten ein Bild haben, um es den Kindern zu zeigen, wenn sie gross sind und die Kinder wollten nur bisschen Spass haben.

Und für uns als Betrachter, die sich die Bilder anschauen? Wir sehen eine andere Seite der Flüchtingskrise, die wir sonst präsentiert bekommen. Wir erkennen die Menschen als Menschen, nicht als Opfer oder Helden, nicht als bedauernswerte Flüchtlinge oder zu fürchtende Migranten. Sie erscheinen als menschliche, belastbare, nachdenkliche und fröhliche Individuen.

Giovanna Del Sarto

© Giovanna Del Sarto

 

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Gerhard Richter. Abstraktion

LAUFZEIT: 30.06. – 21.10.2018

Museum Barberini | Alter Markt | Humboldtstr. 5–6 | 14467 Potsdam

Das zentrale Moment im Werk Gerhard Richters ist die Abstraktion. Erstmals widmet sich eine Ausstellung diesem Thema. Das Museum Barberini in Potsdam zeigt die abstrakten Strategien und Verfahrensweisen im Gesamtwerk des Künstlers. Gerhard Richters Werk ist in großen Retrospektiven gewürdigt worden: 2002 widmete ihm das Museum of Modern Art, New York, eine Einzelausstellung. 2011 zeigten die Tate Modern, London, die Neue Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin und das Centre Pompidou, Paris, eine Präsentation, die im Titel Panorama schon den weiten Blick auf Richters Lebenswerk benannte. Wie diese Ausstellungen schlägt auch Gerhard Richter. Abstraktion im Museum Barberini den großen Bogen von den 1960er Jahren bis zu neuen Arbeiten.

Gerhard Richter und Ortrud Westheider beim Ausstellungsrundgang. Foto: Helge Mundt

Die Schau geht von einem Werk der Sammlung des Museums Barberini aus und vereint über 90, zum Teil noch nicht ausgestellte Werke aus internationalen Museums- und Privatsammlungen. Sie zeigt Richters Entwicklung von den schwarzweißen Photobildern und Farbtafeln über die Ausschnitte, die Grauen Bilder und Vermalungen bis zu den Abstrakten Bildern, wie Richter von den späten 1970er Jahren an seine Gemälde mit ihren Pinsel-, Rakel- und Spachtelspuren im Farbauftrag häufig betitelte. In der Variationsbreite unterschiedlichster Werkgruppen werden so Elemente erkennbar, die sich durch das gesamte Werk ziehen.

„Abstraktion ist ein roter Faden durch Richters Malerei. So sprunghaft und vielgestaltig sie manchen Zeitgenossen beim Wechsel zwischen verschiedenen Werkphasen erschien, so konsequent entwickelte sich sein Werk als stetige Fortführung und Wandlung der Abstraktion“, erklärt Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini. „Durch kalkuliertes Einbeziehen des Zufalls nimmt Richter die bewusste Steuerung des Malprozesses zurück. Er arbeitet mit Rasterstrukturen, hinter denen das Schöpferische zurücktritt oder zieht mit der Rakel über die gesamte Bildfläche. Er vermeidet schöpferisches Pathos und Bedeutungen, die außerhalb der Kunst liegen, die Bilder wirken so durch sich selbst.“

Die Ausstellung, kuratiert von Dietmar Elger, Leiter des Gerhard Richter Archivs an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, ist in enger Abstimmung und Zusammenarbeit mit Gerhard Richter entstanden. Ein umfangreiches Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm mit Vorträgen, Führungen, Konzerten und Filmen begleitet die Ausstellung.

Ausstellungsansicht Gerhard Richter. Foto: Helge Mundt

 

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Wir wünschen ein schönes ARTWEEKEND!

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