“Eine Einstellung zur Arbeit” – Harun Farocki und Antje Ehmann über ihre Arbeit auf der 55. Biennale von Venedig

image

image

Harun Farocki initiierte gemeinsam mit Antje Ehmann in 15 Städten weltweit Workshops unter dem Titel „Eine Einstellung zur Arbeit“. In diesen Workshops wurden ein bis zwei minütige Videos produziert, welche Tätigkeiten dokumentieren, die zum Broterwerb vor Ort ausgeübt werden. Zur Biennale in Venedig werden nun Videos von 15 Kunststudenten aus Rio de Janeiro präsentiert. Barbara Green sprach mit den beiden Künstlern über ihre Arbeiten.

1. In Ihren Videos schauen Sie Menschen beim Arbeiten zu. Warum haben Sie sich gerade für dieses Thema entschieden? Was macht dieses Thema so aktuell/ interessant?

Natürlich könnte man auch einen anderen Untersuchungsgegenstand nehmen, etwa wie die Menschen ihre Freizeit verbringen. Aber das Thema ‚Arbeit’ kam uns doch zwingender vor. Da es ein großes Thema ist, das Vielfalt verspricht und gleichzeitig ein Schlüsselthema ist, will man sozio-politisch etwas von einer Stadt, einer Region, einem Land verstehen.

2. Welche unterschiedlichen Einstellungen zur Arbeit spiegeln sich in den gezeigten Videoarbeiten wieder? Wie sehen Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Lateinamerika und Europa in Bezug auf das Thema aus?

Das Wort ‚Einstellung’ hat im Deutschen so eine schöne Doppeldeutigkeit, die sich ins Englische etwa nicht übersetzen lässt. Die Teilnehmer müssen ja auch herausfinden, welche ‚Einstellung’ sie drehen. Mit welcher Einstellung ein Arbeits-Vorgang, eine Choreografie, am besten einzufangen ist. Da haben die Workshopteilnehmer auf den unterschiedlichen Kontinenten vielfältige, produktive Ansätze gefunden. Was sich als Gemeinsamkeit herausstellt ist, dass die meisten Künstler / Filmemacher sich zunächst dem nähern, was auf der Straße sichtbar und leicht zugänglich ist und sich nicht hinter Fabrikmauern und Bürofassaden versteckt. Es wird also überproportional viel Arbeit gefilmt, die vorindustriell ist oder zu den Dienstleistungen gehört. Interessant dabei sind die feinen Unterschiede. In jedem Workshop zeigt sich dabei auch Stadt- und Landesspezifisches: In Lodz etwa gibt es einen Film, der zeigt, wie Autos aus dem Westen in Teile zerlegt werden. In Rio de Janeiro hat eine Gruppe gefilmt, wie mit Hilfe von Computeranimationen, die Stadt neu geplant wird. Eine andere Gruppe filmte in einer Sambaschule, die ein Jahr lang den Karnevalsumzug vorbereitet. In Tel Aviv zeigt eine originelle Einstellung die Security. In Buenos Aires spielte das Thema „Fleisch“ und „Schlachthaus“ immer wieder eine Rolle. Natürlich kann man generell sagen, dass Europa stärker durchkapitalisiert ist, und daher weniger Arbeit mit geringem Ertrag gezeigt wird; im Unterschied etwa zu Kairo, wo Metallarbeiter in engen Gässchen auf der Straße Werkstücke schweißen, über die auch mal ein Pferdekarren trabt.

3. Frau Ehmann, haben Frauen einen anderen Blick oder eine andere Einstellung in Bezug auf das Thema Arbeit als Männer?

 Ich habe lange über diese Frage nachgedacht und komme zu dem Schluss, dass sich das nicht generalisieren lässt. Frauen filmen genauso gerne schwere Abrissgeräte wie Männer; auch Männer machen sensible Personenporträts. Auch, was das Handwerk angeht, kann man nicht sehen, dass Männer technikbesessener sind. Es ist auch nicht so, dass Frauen am liebsten Frauen bei der Arbeit filmen. Die Arbeit am Geschlecht –  Darbietungen von Transvestiten – wurde als Projekt sowohl von Frauen als auch von Männern vorgeschlagen.

 Interview: Barbara Green

Leave a Reply