„Ideal Standard – Spekulationen über ein Bauhaus heute” Kurator Dominik Busch im Interview

2019 steht ganz im Zeichen des Bauhaus-Jubiläums. Mit Ausstellungen, Publikationen, Events und Talks soll an die vor 100 Jahren gegründete Kunstschule in Weimar und die 1926 eröffnete Schule in Dessau erinnert werden, um zu diskutieren, wie maßgeblich das moderne Bauen und eine klare Designsprache davon geprägt wurden.

Mit „Ideal Standard – Spekulationen über ein Bauhaus heute“ hat der Kurator Dominik Busch zusammen mit der Künstlerin Erika Hock eine Ausstellung konzipiert, die im Gegensatz zu vielen anderen Bauhaus Ausstellungen zeitgenössische Künstlerpositionen präsentiert und der Frage nachgeht, was das Bauhaus heute wäre. Bis zum 28.April sind Arbeiten von Katarina Burin, Erika Hock, Christopher Kulendran Thomas, Pakui Hardware und Andrea Zittel zu sehen.

 

Ideal Standard – Spekulationen über ein Bauhaus heute

Laufzeit: 30. November 2018 – 28. April 2019
Zeppelin Museum Friedrichshafen GmbH
Seestraße 22
88045 Friedrichshafen


 

Die hypothetische Frage zu stellen, was das Bauhaus heute wäre, setzt voraus, dass man von einem klar definierten Bauhausbegriff ausgeht. Wie sieht dieser Begriff aus, wie würdet Ihr das Bauhaus kennzeichnen?

Der Untertitel lautet ja durchaus absichtlich „Spekulationen über ein Bauhaus heute“. Wir spekulieren in der Ausstellung also über eins von vielen denkbar möglichen Bauhäusern. Alles andere wäre ein ungerechtfertigt verkürztes Label, bedenkt man die immense Diversität, die das Bauhaus geprägt hat und die es heute retrospektiv verkörpert. An diesem Punkt ziehen wir die Analogie: In einer Zeit des gesellschaftlichen, politischen und künstlerischen Umbruchs bündelte das Bauhaus diverse Aspekte in dem Anliegen, die Nachkriegsgesellschaft neu und umfassend zu gestalten. Es setzte sich also mit bestimmenden Fragen seiner Zeit auseinander. Eine derartige Auseinandersetzung sähen wir zwangsläufig in einem Bauhaus heute, nur, dass die Fragen naturgemäß unsere heutigen gesellschaftlich bestimmenden Diskurse wiederspiegeln würden.

Erika Hock, Ausstellungsansicht, IDEAL STANDARD, 2018 © Zeppelin Museum, Foto Tretter

 

Welche Impulse von diesem Verständnis des Bauhaus ausgehend, habt Ihr als Grundlage für Euer Ausstellungskonzept aufgenommen?

Wir, also Erika Hock und ich, haben das auf mehreren Ebenen versucht. Einerseits haben wir das Projekt kooperativ kuratiert, das heißt jeden Entscheidungsschritt gemeinsam getroffen, begonnen bei der Auswahl der KünstlerInnen. Wir haben so versucht, das traditionelle Rollenverständnis von KünstlerIn und KuratorIn aufzulösen, ganz so, wie es dem Bauhaus an der Auflösung der Hierarchien zwischen Kunst und Kunsthandwerk gelegen war. Der kooperative Aspekt findet sich bei Pakui Hardware genau wie bei Christopher Kulendran Thomas, findet sich in den Vermittlungsformaten wie den externen Partnern – er zieht sich gewissermaßen wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Inhaltlich haben wir drei wichtige zeitgenössische Diskurse identifiziert, die sich unmittelbar vom Bauhaus ableiten lassen. Die sehen wir in zukunftsorientierten Wohnkonzepten, die sich in der migrantischen Gesellschaft positionieren und Fragen nach politischer Identität stellen, die sehen wir aber auch in der gegenwärtigen Form der industriellen Fertigung, der Industrie 4.0, ihren kapitalistischen Verflechtungen und dem Ausloten technischer Potenziale. Einen Fokus setzen wir in der dringenden Herausstellung bislang vernachlässigter feministischer Perspektiven auf das Bauhaus. Die waren uns besonders wichtig und werden in drei der fünf Positionen direkt thematisiert.

 

Die aktuelle Diskussion zeigt deutlich, dass das Bauhaus nicht nur als Weg in die Moderne gesehen, sondern vermehrt auch kritisch beleuchtet wird. Im Fokus der Kritik stehen der Umgang mit weiblichen Studierenden, politischen Ausrichtungen der Lehrenden und unterschiedliche Auffassungen, in welche Richtung gebaut und gewohnt werden sollte. In wie weit wäre ein Bauhaus heute ein „Ideal Standard“ – eine eventuell bessere Version des Bauhauses?

Diese Frage versuchen wir innerhalb der Ausstellung mit unseren BesucherInnen zu diskutieren. Das Problem in deren Beantwortung liegt aber darin, dass ein Projekt mit gesellschaftlicher Relevanz immer im Kontext der jeweils zeitgenössischen Diskurse zu sehen ist, zumeist aber retrospektiv verhandelt wird. Ich glaube das meinte van Borries mit „Vereinnahmung der Vergangenheit aus der Gegenwart heraus“: Man tendiert entweder zu Idealisierung oder Herabsetzung. Die Begriffe „Ideal“ und „Standard“ sind aber ja interessanter Weise Synonyme, sie bedeuten letztlich das gleiche. Erst in ihrer Kombination und heutigen Wortbedeutung entsteht das Paradox. Es geht hier also nicht um besser oder schlechter, sondern um Maßstäbe, die im Kontext ihrer jeweiligen Zeit zu beurteilen sind.

Ausstellungsansicht, IDEAL STANDARD, Andrea Zittel, 2018 © Zeppelin Museum, Foto Tretter

 

Andrea Zittels Arbeit „A-Z 1994 Living Unit“ führt die maximale Optimierung und Reduzierung von Wohnraum vor, eine Diskussion, die schon in den Raumkonzepten wie der Frankfurter Küche geführt wurde und ganz aktuell auch bei der Gestaltung von Mikrohäusern. Was in ihrer Arbeit in den 90ern als Überspitzung wahrgenommen wurde, ist Realität geworden. Werden wir uns stärker standardisieren lassen?

Zunächst einmal glaube ich nicht, dass Andreas Arbeit als Überspitzung wahrgenommen wurde. Vielleicht eher als Skulptur-gewordene Dichotomie, aber sicher nicht allein als rein pragmatische Auseinandersetzung mit formalen Konzepten der Moderne. Für Zittel ist die gedachte Utopie hinter ihren Skulpturen das Entscheidende, denn alle Vorschläge, die hier gemacht werden, sind samt ihrer Konsequenzen absolut ernst gemeint. Ich glaube auch, dass in der Entwicklung hin zu weniger Raum, im Sinne von tiny houses also, etwas revolutionär Positives steckt. Der Trend weg von der Überflussgesellschaft ist jedenfalls allgegenwärtig und zumindest aus ökologischer Perspektive nur zu befürworten. Wenn man zudem an die Synonyme von „Standard“ denkt, ist man auch ganz schnell wieder bei „ideal“.

 

Ausstellungsansicht, IDEAL STANDARD, Pakui Hardware, Erika Hock, 2018 © Zeppelin Museum, Foto Tretter

In der Ausstellung wird nicht nur der Blick nach vorne gerichtet, sondern es werden auch historische Bezüge aufgenommen. Katarina Burin schuf eine fiktive Architektin namens Petra Andrejova-Molnár, deren Name offenbar in Vergessenheit geriet, wie geschehen bei zahlreichen Architektinnen und Künstlerinnen des Bauhauses. Hat sich die Situation in den letzten 100 Jahren für Architektinnen, Designerinnen und Künstlerinnen maßgeblich verbessert?

Mit einem großen „aber“ würde ich zunächst einmal antworten, ja, ich glaube das hat sie. Aber, selbst im Zuge der Aufarbeitung einer feministisch fokussierten Perspektive auf die Moderne, wie sie in den letzten etwa zehn Jahren stattgefunden hat und anlässlich des Bauhaus Jubiläums aktuell tut, und trotz KünstlerInnen wie Katarina, die unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf die Konstruktion von Geschichte richten, ist die Kunstgeschichte, ist unsere Gesellschaft als Ganzes, noch weit weg von so etwas wie Selbstverständlichkeit, i.e. selbstverständlicher Nennung und Wertschätzung von Frauen und Männern gleichermaßen. Sehr weit weg.

 

Vor 100 Jahren konnte offenbar von einer Kunstschule heraus eine ästhetische und bauliche Revolution ausgehen, die unmittelbar und bis heute international unser Leben prägt – wo wäre das Bauhaus heute zu finden?

In start-ups, an Universitäten, in der Forschung und den zahlreichen künstlerischen Positionen, die sich mit der Zukunft und ihren Utopien auseinandersetzen. Überall dort, wo innovativ und unkonventionell gedacht wird, wo gesellschaftlich relevante Themen diskutiert und Lösungen für die dringenden Fragen unserer Zeit gesucht werden.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Dominik Busch.

Ein Interview von Alexandra Saheb

Leave a Reply